Die Kunst der Saatgutvermehrung: Z-Saatgut-Vermehrer und -Aufbereiter zieht Bilanz

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Die Kunst der Saatgutvermehrung:

Z-Saatgut-Vermehrer und -Aufbereiter zieht Bilanz

2023 war ein Jahr der Extreme – das kalte und nasse Frühjahr verzögerte die Aussaat, durch die Frühsommertrockenheit gerieten u. a. die Sommerungen unter Trockenstress, und der verregnete Juli/August sorgte für wochenlange Druschpausen und ließ einige Bestände ins Lager gehen. Vor allem die Flächen im Norden und Westen Deutschlands waren von Auswuchs betroffen. Gegebenheiten, die besonders in der Saatgutproduktion erfahrene und fachkundige Profis erfordern, um am Ende Qualitätssaatgut für die Landwirte herstellen zu können.

Saatgutvermehrer in der 3. Generation

Ulrich Horsch aus dem baden-württembergischen Maulbronn ist einer dieser Profis. Seit der Übernahme des elterlichen Betriebes 1996 hat Horsch den Betriebszweig der Vermehrung und Aufbereitung kontinuierlich ausgebaut. „Die Saatgutvermehrung ist mehr als nur eine Tätigkeit – es ist eine Tradition, die wir seit drei Generationen mit Herzblut verfolgen. Durch stetige Anpassungen und Investitionen haben wir nicht nur die Technologie vorangetrieben, sondern auch unser Vermehrungssortiment vielfältig erweitert“, betont der erfahrene Betriebsinhaber.

Die Vielfalt im Fokus: Z-Saatgut und mehr

Aktuell vermehrt der Elfinger Hof zwei Sorten Wintergerste, sechs Sorten Winterweizen, eine Sorte Sommerweizen und zwei Sorten Sommerbraugerste. Die Breite des Vermehrungssortiments dient nicht nur der optimalen Auslastung der Aufbereitungsanlage, sondern hat auch das Ziel, ein breites und angepasstes Portfolio für die Landwirte in der Region bereitzustellen. Auf dem Betrieb von Ulrich Horsch wird nur Saatgut aus der eigenen Vermehrung aufbereitet. „Die Produktion von Z-Saatgut erfordert höchste Qualitätsstandards. Daher haben wir vor einigen Jahren entschieden, uns aus der Aufbereitung von Saatgut anderer Betriebe zurückzuziehen, um die Kontrolle über die Qualität von Anfang bis Ende zu behalten“, erklärt der Vermehrer.

Ulrich Horsch (rechts) und sein Mitarbeiter Werner Ludwig beim Absacken des gereinigten Z-Saatgutes

Foto: U. Horsch

„Ich habe den Anspruch, unseren Landwirten Z-Saatgut höchster Qualität anzubieten.“

Qualität beginnt auf dem Feld

Die Qualität des Saatgutes steht und fällt nicht nur mit der Aufbereitung, sondern beginnt bereits auf dem Feld. „Eine sorgfältige Bodenbearbeitung, eine durchdachte Fruchtfolge und die Vermeidung von Ausfallgetreide sind von grundlegender Bedeutung. Besonders im Kontext von Z-Saatgut ist eine akribische und in den meisten Fällen händische Feldbereinigung vor der Ernte unerlässlich“, betont Horsch. Für ihn kann eine erfolgreiche Vermehrung nur in weiten Fruchtfolgen mit konsequentem Wechsel von Sommer- und Winterungen erfolgen. „Unsere Fruchtfolge unterscheidet sich oft von der unserer Berufskollegen“, stellt Horsch fest. Wintergerste wird beispielsweise nach Raps oder anderen Blattfrüchten vermehrt. Die Wintergerstenvermehrung nach Weizen ist aufgrund von Weizendurchwuchs nicht möglich. Ein weiterer Punkt betrifft das Glyphosatverbot. Falls es bestehen bleibt, wird die Sommergerstenvermehrung nach Weizen in Mulchsaat nicht mehr möglich sein, da der Weizendurchwuchs nicht zu 100 Prozent mechanisch bekämpft werden kann. Daher plant der Landwirt, die Sommergerste nach spätgerodeten Zuckerrüben zu vermehren. Ebenfalls vermieden wird die Ausbringung von Stallmist vor Getreide, um Verunreinigungen durch Getreidereste aus dem Stroh zu verhindern. Die Keimung des Ausfallgetreides ist die Grundvoraussetzung für die anschließende mechanische Bekämpfung. Hier setzt der Landwirt auf eine Grundbodenbearbeitung, gefolgt von einem Feingrubber mit Gänsefußscharen. Ein entscheidender Unterschied zu anderen Landwirten besteht darin, dass der Walzennachläufer durch einen Striegel ersetzt wurde. Dadurch werden Pflanzen nicht erneut angedrückt und können nicht weiterwachsen. Ein Vergraben des Ausfallgetreides muss laut dem Vermehrer durch Pflügen oder tiefes Grubbern vermieden werden, da es sonst in den folgenden Jahren immer wieder Verunreinigungen in den Vermehrungsbeständen nach sich zieht.

„Unsere Entscheidungen auf dem Feld beeinflussen direkt die Reinheit, Keimfähigkeit und Sortenreinheit des produzierten Z-Saatgutes.“

 

Auch nach der Ernte legt der Betriebsinhaber großen Wert auf Sauberkeit und Hygiene auf dem Hof und im Getreidelager. So werden die Getreideannahme und alle an der Aufbereitung beteiligten Geräte nach jedem Arten- und Sortenwechsel penibel gereinigt, damit Vermischungen ausgeschlossen werden. Um Keimfähigkeitsverluste zu minimieren, wird das Getreide möglichst schonend gedroschen, transportiert und schonend entgrannt.

Saatgutsaison 2023 auf dem Elfinger Hof

Da die Getreideflächen des Elfinger Hofes im Frühdruschgebiet liegen, war die Qualität der Saatware insgesamt gut. Die Keimfähigkeiten waren überwiegend sehr gut bis gut, jedoch brachte die Sommertrockenheit im Juni und Juli vor allem bei späteren Weizensorten und der Sommergerste Herausforderungen in der Sortierung mit sich. Einige Partien mussten daher zweimal gereinigt werden, um eine Spitzen- Saatgutqualität zu gewährleisten, wobei laut Horsch bis zu 30 Prozent Sortierabgang akzeptiert werden musste.

Der verregnete Sommer führte beim Betriebsinhaber vermehrt zu besorgten Anfragen bezüglich der Saatgutverfügbarkeit von Saatweizen. „Die Bestellungen für Weizensaatgut trafen frühzeitig ein, da Landwirte befürchteten, dass es aufgrund der Witterungsbedingungen knapp werden könnte“, resümiert Horsch.

Trotz der reichlichen Wintergerstenernte, konnte diese aufgrund des deutlichen Rückganges der Schweinehaltung nicht vollständig vermarktet werden. Im Gegensatz dazu verzeichnete der Saatweizen einen erfolgreichen Absatz. Angesichts dieser Erfahrungen zieht das Unternehmen Rückschlüsse für die kommende Saison. So wird die Sommergerstenvermehrung, insbesondere für die Herbstsaat, ausgebaut. Seit fünf Jahren ist der Elfinger Hof auch in der Sojabohnenvermehrung tätig und hat dabei gezielt eine bestimmte Sorte in den Fokus genommen. In dieser Zeit wurde die Aufbereitungsanlage entsprechend modifiziert, um die Förderwege und Fallhöhen zu verringern.

Damit reagiert das Unternehmen strategisch auf die Marktanforderungen und strebt eine zukunftsorientierte Ausrichtung der Saatgutsaison an.

Herausforderungen der Branche

Die größte Herausforderung für den Familienbetrieb liegt, neben der Witterung, in der wirtschaftlichen Darstellung der Saatgutvermehrung sowie im bürokratischen Aufwand. „Steigende Kosten setzen uns unter Druck. Die Investitionen in Anlagentechnik, die steigenden Dokumentations- und Zertifizierungskosten erfordern eine fortwährende Anpassungsfähigkeit“, gibt der Betriebsinhaber zu bedenken.

„Die Qualität unserer Arbeit spiegelt sich unmittelbar im Endprodukt, dem Z-Saatgut, wider. Um weiterhin auf diesem Qualitätsniveau agieren zu können, müssen die Kosten der Vermehrung und Aufbereitung angemessen berücksichtigt werden“, hebt der Vermehrer hervor. „Es ist entscheidend, dass Landwirte die Bedeutung dieser Kosten für ein hochwertiges Produkt verstehen und bereit sind, angemessene Preise dafür zu zahlen. Nur so können wir die gewohnten Standards und die Erwartungen unserer Kunden erfüllen.“

Trotz dieser Herausforderungen bleibt die Motivation hoch. „Positive Rückmeldungen zum Z-Saatgut bestätigen nicht nur die Qualität der Aufbereitung, sondern spornen mich und mein Team an, auch in Zukunft höchste Standards zu erreichen“, unterstreicht Ulrich Horsch.

Vor der Feldbestandsprüfung werden die Saatgutvermehrungsflächen händisch von Fremdbesatz gereinigt.

Foto: U. Horsch

Beim Öko-Z-Saatgut gibt es keine Kompromisse

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Beim Öko-Z-Saatgut gibt es keine Kompromisse

Bio boomt, und das nicht nur beim Verbraucher. Auch viele Landwirte schließen sich diesem Trend an und stellen ihre Betriebe auf ökologischen Landbau um. Diese Entwicklung hat für alle Prozessbeteiligten weitreichende Konsequenzen. Das fängt schon bei der Bereitstellung von hochwertigem Öko-Z-Saatgut an. Das ist keine leichte Aufgabe, denn die Qualitätsansprüche sind gegenüber konventionellem Saatgut nochmals höher. Ein Beispiel aus Norddeutschland.

Der 1991 gegründete Erzeugerzusammenschluss (EZG) Öko-Korn-Nord in Nord-Ost Niedersachsen (Kasten) hat aktuell über 100 aktive Mitglieder, die ihr Getreide und ihre Leguminosen über die EZG gemeinsam vermarkten. Gleichzeitig zählt Öko-Korn-Nord zu den größten und bedeutendsten Aufbereitern und Vermarktern von Bio-Z-Saatgut in Deutschland.

Als reines Bio-Unternehmen fühlt sich die EZG dem ökologischen Landbau verpflichtet und fördert ihn aktiv. Der wirtschaftliche Verein (w.V.) versteht sich als eine von Landwirten gesteuerte, bäuerliche Selbsthilfeeinrichtung im besten genossenschaftlichen Sinne. Dass die im Leitbild formulierten Wertevorstellungen wie soziale Verantwortung, Zukunftsfähigkeit oder Nachhaltigkeit nicht nur ein Lippenbekenntnis sind, erkennt man bereits beim ersten Kontakt mit den engagierten Mitarbeitern. Der Leiter der Saatgutabteilung, Folkert Höfer, ist bereits seit 2001 im Unternehmen und scheint die Philosophie der Firma verinnerlicht zu haben.

Das gleiche gilt für Hans-Hermann Moritz. Der gelernte Landwirt arbeitet seit 2004 bei Öko-Korn-Nord und ist als Betriebsleiter der Saatgutanlage in Uelzen ein unverzichtbarer Ansprechpartner und Ratgeber für die Biobauern der Region. Er spricht auch schon mal Klartext, wenn es kritische Nachfragen z.B. bei der Reinigung und Aufbereitung des angelieferten Rohstoffs wegen zu hoher Abgänge gibt. „Aus schlechten Qualitäten kann ich nicht Gold machen“, bringt es Moritz auf den Punkt.

Um die Effektivität der eigentlichen Saatgutaufbereitung zu erhöhen und die Qualitäten zu verbessern verfährt er nach der Devise, schon bei der Vorreinigung des angelieferten Saatgetreides „richtig Gas zu geben“, um z.B. unerwünschte Bestandteile wie Schmachtkorn oder Unkrautsamen frühzeitig auszusortieren. „Am Anfang darf man nicht feige sein“, weiß Moritz.

Saatgutexperten unter sich (v.l.n.r.):
Der Vermehrer und Biobauer Jürgen Cordes stimmt sich von der Planung bis zur Ernte seiner Vermehrungsvorhaben immer eng mit dem Leiter Saatgut bei der Öko-Korn-Nord, Folkert Höfer, bzw. mit Hans-Hermann Moritz, Lag

Foto: TextTour

Lagerleiter Hans-Hermann Moritz achtet im Aufbereitungsprozess streng darauf, dass das Saatgut sortenrein erfasst wird. Aus diesem Grund werden in Uelzen statt Trogkettenförderer nur Gummibänder zum waagerechten Transport verwendet.

Foto: TextTour

Risiken frühzeitig minimieren

Diese klare Ansprache kommt bei den Mitgliedern der EZG an. Beispiel Jürgen Cordes: Der Biobauer leitet in Mechtersen bei Lüneburg einen 140 ha großen Marktfruchtbetrieb, den er 2017 auf ökologische Wirtschaftsweise umgestellt hat. Er hat sich auf seinen leichten und nicht beregnungsfähigen Böden mit 18 bis 30 Bodenpunkten nahezu voll und ganz auf die Vermehrung von Getreide und Körnerleguminosen für Öko-Korn-Nord und von Grassamen und Buchweizen für die Deutsche Saatveredlung (DSV) konzentriert. Wichtig sind ihm auch andere Kulturen wie die Blaue Lupine, Sommerroggen oder Buchweizen, die mit wenig Wasser in der Vegetationszeit auskommen. „Die Qualität passt in der Regel dennoch“, bilanziert der 56-jährige Landwirt, der hauptsächlich Wintergerste, Winterweizen, Dinkel, Winterroggen und Ackerbohnen vermehrt.

Im Durchschnitt kommt Cordes auf Naturalerträge von 3,5 t/ha bei Saat-Getreide und 2 t/ha bei Saat-Lupinen. Damit ist er zufrieden, zumal er eine sehr hohe Anerkennungsquote von etwa 90 % aufweisen kann, wie der Biobauer bei einem Treffen bei Öko-Korn-Nord in Uelzen berichtet. Dieser Top-Wert fällt ihm aber nicht in den Schoß. Er scheut sich nicht, regelmäßig und mit wachem Auge durch seine Vermehrungsbestände zu gehen und unerwünschte oder artfremde Aufwüchse wie z.B. Flughafer frühzeitig zu eliminieren. „Das kostet Zeit, muss aber sein“, begründet Cordes seine Sorgfalt, denn ein Korn Flughafer gilt bereits als Aberkennungsgrund für eine Partie.

Und er nennt zwei weitere Gründe für seine hohe Anerkennungsquote: frühzeitiges Minimieren möglicher Aberkennungsrisiken und strenge Hygiene. So werden in der Ernte Mähdrescher und Transportfahrzeuge gründlich gereinigt, wenn sie von einem Schlag zum anderen wechseln. „Die Maschinen müssen absolut sauber sein, das klappt nur mit Druckluft und einem leistungsstarken Staubsauger“, sagt er. Den eigenen Mähdrescher stellt er auf dem Feld „nicht zu scharf“ ein. Cordes vertraut darauf, dass die Reinigung bei Öko-Korn-Nord schonender und effektiver arbeitet.

Der Gewichtsausleser ist Pflicht bei der Aufbereitung von Öko-Saatgut. Durch Einstellung der Hubgeschwindigkeit, der Luftmenge und/oder der Längs- und Querneigung des Tisches kann Hans-Hermann Moritz das Erntegut in die gewünschten Fraktionen trennen.

Foto: TextTour

Erster reiner Öko-Saatguterzeuger

Die über 100 Mitgliedsbetriebe spiegeln die ganze Bandbreite der Landwirtschaft wider. Die Vermehrungsflächen pro Betrieb und Jahr reichen von 7 ha bis über 100 ha. Öko-Korn-Nord war bundesweit von 2003 bis vor wenigen Jahren der einzige reine Öko-Saatguterzeuger, dem der VO-Status von den Züchtern übertragen wurde. Neben der Vermehrung generiert die EZG mit der Lagerung und dem Handel von Öko-Konsum- und Futtergetreide einen beträchtlichen Teil des Gesamtumsatzes. Auch der Abgang aus der Reinigung und Aufbereitung des Saatgutes – etwa 20 % der Gesamtmenge – wird laut Höfer als Futtergetreide bestmöglich vermarktet.

Mitgliedsbetriebe haben zudem eine Abnahme- und Lagergarantie bei gleichzeitiger Andienungspflicht. „Durch unsere aktive, marktgerechte Anbausteuerung haben unsere Kunden eine große betriebliche Sicherheit“, ergänzt Folkert Höfer, der neben seinem Fulltime-Job bei der EZG auch noch eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft in Ostwestfalen-Lippe betreibt und so den „direkten Draht zur Praxis“ hat.

Den Saatgutwechsel bei den Biobauern schätzt der Experte deutlich höher ein als bei der konventionellen Landwirtschaft, wo er aktuell rund 60 % beträgt. In diesem Zusammenhang stellt Höfer klar, dass für den Nachbau gewisse Spielregeln einzuhalten seien. Seinen Angaben zufolge zählt u.a. dazu, über die Nachbaugebühren dem Züchter einen fairen Anteil für seine Züchtungsarbeit zukommen zu lassen. Auch stünden Bio-Bauern in der Eigenverantwortung, das Saatgut reinigen und auf samenbürtige Krankheiten untersuchen zu lassen sowie die Bestände intensiv auf Fremdbesatz zu kontrollieren.

Jürgen Cordes ist kein großer Fan vom Nachbau. „Mein Saatgutwechsel liegt bei knapp 100 %, das stelle ich auch nicht in Frage“, ist der 56-jährige Landwirt überzeugt. Damit steht er stellvertretend für viele Ökobauern. Das Problem im Ökolandbau sei zum einen, wer die Reinigung durchführen darf – Stichwort Zertifizierung –, und zum anderen der notwendige höhere Reinigungsgrad. „Da im Biobereich chemische Herbizide verboten sind und zur Beikrautbekämpfung nur die Mechanik bleibt, müssen wir zwangsläufig mit einem höheren Unkrautsamenbesatz im Erntegut leben“, zeigt Cordes die Problematik auf. Diese unerwünschten Bestandteile müssten natürlich wieder herausgereinigt werden. Hans-Hermann Moritz formuliert die hohen Ansprüche an die Qualität von Öko-Z-Saatgut so: „Unser Ausgangsmaterial kann nicht so sauber sein wie konventionell erzeugtes Saatgut, das Endprodukt muss aber sauberer sein.“

Die Bioland-Landwirte Jürgen Cordes und sein Sohn Moritz aus Mechtersen sind mit Leib und Seele Vermehrer von Bio-Z-Saatgut. In diesem Jahr wird u.a. auch die Winterroggensorte Amilo – ein Populationsroggen – für die Öko-Korn-Nord vermehrt.

Foto: Meike Cordes

Eigenes Rabattsystem schafft Anreize

Um den Absatz des Premium-Saatguts anzukurbeln, setzt die Öko-Korn-Nord bei ihren Mitgliedsbetrieben finanzielle Anreize durch die Gewährung von attraktiven Rabatten. Betriebe, die bei der EZG Z-Saatgut für die Produktion von Konsumgetreide zukaufen, erhalten sogar eine zusätzliche Rückvergütung. „Damit unterstützen wir die eigene Saatgutvermehrung und verstärken den Anreiz bei den Ökobauern, bestes Z-Saatgut von uns zu kaufen und damit den Grundstein für die Erzeugung von hochwertigem Getreide zu legen“, erklärt Höfer.

Sehr wichtig ist für ihn die Vorgabe, gesundes Getreide abzuliefern. Kein leichtes Unterfangen, denn die Ökobauern dürfen keine Fungizide einsetzen, um Pilzbefall – z. B. Fusarium – und die Bildung von Mykotoxinen zu verhindern. Da ein Befall auf dem Feld nicht mehr zu kontrollieren sei, komme es gerade im Ökolandbau darauf an, nur gesundes, geprüftes und zertifiziertes Saatgut einzusetzen, das garantiert nicht mit Erregern kontaminiert ist. Das sei insofern wichtig, da auch chemische Beizen im Ökolandbau tabu sind. Um diese Vorgabe abzusichern, werden Proben vom angelieferten Getreidesaatgut in Fremdlaboren auf Befall mit samenbürtigen Krankheitserregern wie z.B. Gerstenflugbrand oder Steinbrand untersucht. „Wenn einzelne Partien die geforderte Norm nicht einhalten, werden sie nicht als Saatgut vermarktet“, versichert Höfer.
Um solche Szenarien von vornherein zu verhindern, erfolgt in Absprache mit den Bauern bereits eine sorgfältige Flächenauswahl für die Vermehrungsvorhaben. Gleichwohl müssen die Züchter zusichern, dass das ungebeizte Basissaatgut untersucht wurde und die Grenzwerte einhält. In diesem Zusammenhang wies Höfer darauf hin, dass die Öko-Getreidezüchter es selbst in der Hand hätten, solche Risiken zu begrenzen. Sie würden sich deshalb intensiv mit der genetischen Resistenz gegen samenbürtige Krankheitserreger beschäftigen, so der Experte. Bei der EZG würden anfälligere Sorten konsequent vom Anbau ausgeschlossen.

Die Öko-Korn-Nord ist ein zertifizierter Aufbereiter. 80 % der über 100 Mitglieder der EZG gehören dem Bioland-Verband an.

Foto: TextTour

Kunden stellen hohe Ansprüche

Höfer stellte klar, dass im Ökolandbau die gleichen Normen für die Saatenanerkennung gelten wie im konventionellen Anbau: „Wir haben zwar in der Tendenz einen höheren Besatz z.B. an Samen anderer Pflanzen- oder Getreidearten, aber bei der Anerkennung kriegen wir keine Extrawurst.“ Im Gegenteil, die Kunden von Öko-Korn-Nord erwarten seiner Erfahrung nach eine höhere Qualität als es die Norm vorschreibt. „Schon wenige Wickensamen führen im Ökolandbau zu unkontrollierbarer Vermehrung“, weiß Höfer.

Etliche Kunden bestehen sogar darauf, nicht nur Öko-Saatgut bei der EZG einzukaufen, sondern Saatgut zu verwenden, was auch dort aufbereitet worden ist“, präzisiert der Leiter Saatgut. Das klappe in der Regel auch, denn von dem gesamten verkauften Getreide-Z-Saatgut werden in Uelzen rund 80 % selbst aufbereitet. Der Rest ist Zukauf von bereits anerkanntem Saatgut. „Das Urteil der Kunden stufen wir wie einen Ritterschlag ein“, merkt Höfer stolz an.

Das Vertrauen der Kunden hat auch noch einen anderen Grund. So legt die Öko-Korn-Nord nach Aussage von Hans-Hermann Moritz großen Wert auf eine starke, aber sehr schonende, mehrstufige Reinigung des Saatguts mit Entgranner, Siebreiniger, Trieur und Gewichtsausleser. Auch der Transport des Getreides von der Annahme bis zur Zelle ist darauf ausgerichtet, das einzelne Korn nicht zu verletzen. Statt der üblichen Elevatoren kommen in Uelzen Pendelbecherwerke zum Einsatz. Dadurch kann der Verlust an Keimfähigkeit – insbesondere bei den sensiblen Körnerleguminosen – deutlich gesenkt werden.

Und statt der üblichen Trogkettenförderer werden zum waagerechten Transport bewusst nur Gummibänder eingesetzt, die die gereinigte Ware z.B. in die Zellen verfrachten. „Die lassen sich bei einem Artenwechsel viel besser reinigen als Trogkettenförderer und garantieren eine 100 %ige Reinheit der Partie“, begründet der Lagerleiter die Entscheidung.

Wenn es doch mal zu Reklamationen kommt, sei die Öko-Korn-Nord jederzeit in der Lage, die Ursache durch eine Durchsicht der Rückstellmuster nachzuverfolgen und aufzuklären. „Wir ziehen von der Anlieferung bis zur Aufbereitung mehrere Proben. Das gibt uns die nötige Sicherheit, alle Fragen zu beantworten“, meint der 56-Jährige.

Vermehrung muss sich lohnen

Die Mitgliedsbetriebe schätzen diese hohe Qualität. Doch rechnen muss sich der höhere Aufwand auch für die Ökobauern. Die Saatgutvermehrer erhalten von Öko-Korn-Nord nach der Ablieferung einen Grundpreis, der sich in seiner Höhe an den aktuellen Marktpreisen orientiert. Konventionelle Vermehrer erhalten laut Höfer üblicherweise einen Aufschlag von 2,00 bis 2,50 €/dt. Öko-Korn-Nord zahle dagegen einen attraktiven Vermehrungsaufschlag, der deutlich über diesem Wert liege. Dies sei auch vertretbar, weil im Ökolandbau aufgrund des Verzichts auf mineralischen Stickstoff im Mittel nicht 70 bis 80 dt/ha, sondern nur 35 bis 40 dt/ha geerntet würden. Zusätzlich gebe es noch einen qualitätsabhängigen Zu- oder Abschlag.

Höhere Kosten entstehen auch durch die im Vergleich zu Z-Saatgut höheren Einkaufspreise für Basissaatgut. Weiterhin werden die Aussaatmengen im Biosegment im Vergleich zum konventionellen Landbau um etwa 10 % erhöht, was die Kosten weiter nach oben treibt. Diese Positionen sollen laut Höfer bei Öko-Korn-Nord mit einem Vermehrungsaufschlag ausgeglichen werden. „Wir möchten, dass die Landwirte trotz des höheren Aufwandes dabeibleiben und dass sich die Vermehrung für alle lohnt“, sagt er. Klar sei aber, dass der preisliche Aufschlag nur bei erfolgreicher Anerkennung gezahlt werde. „Das Anerkennungsrisiko liegt daher beim Landwirt, das anschließende Vermarktungsrisiko bei der Öko-Korn-Nord“, ordnet Höfer die Chancen und Risiken beiden Parteien zu.

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Wie die Saat, so die Ernte

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Wie die Saat, so die Ernte

Ein Artikel der BIOTOPP 5/21

Der Grundstein für eine gute Ernte beginnt bereits mit der Saat. Auf gute Saatbedingungen zu achten, ist daher Grundvoraussetzung für einen passenden Feldaufgang, einen schönen Bestand und später für einen zufriedenstellenden Ertrag.

Von Annegret Schrade

Neben Bodenbearbeitung, Witterung und anderen Faktoren hat gesundes Saatgut einen  ganz entscheidenden Einfluss auf Erntemenge und -qualität. Gerade im Anbau unter  ökologischen Bedingungen, in dem chemische Beizmittel nicht zur Verfügung stehen, ist gesundes, triebkräftiges Saatgut einer der wichtigsten Faktoren für einen erfolgreichen Anbau. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten für die Herkunft von Saatgut: Bezug von zertifiziertem Saatgut über einen Händler oder der eigene Nachbau von Arten, deren Nachbau erlaubt ist.

Einsatz von Biosaatgut

Die Verwendung von ökologisch erzeugtem Saatgut ist für Biobetriebe Pflicht. Bei Nicht-Verfügbarkeit von ökologischem Saatgut kann – im Ausnahmefall – bei einigen Kulturen auch konventionelles, ungebeiztes Saatgut verwendet werden. Dafür muss vor der Aussaat eine Genehmigung über die Plattform www.organicxseeds.de eingeholt werden.

Beim Anbau von zertifiziertem Saatgut (Z-Saatgut) können die Landwirt*innen zwischen  den neuesten Sorten wählen. Die Züchtung bleibt nicht stehen und es werden ständig Sorten entwickelt mit besseren Eigenschaften hinsichtlich Ertrag, Trockenheitstoleranz,  Winterhärte, Steinbrandresistenzen, Roste, Fusarien usw. Bevor diese Sorten im größeren  Stil vermehrt werden, durchlaufen sie aufwendige Prüfungen des Zuchtunternehmens, des Bundessortenamtes, Landesanstalten und werden in Schauversuchen auf verschiedenen Standorten bewertet. Die Entwicklung einer Getreidesorte dauert circa zehn Jahre und kostet den Züchter etwa 1,5 Millionen Euro.

Der Weg zum Z-Saatgut

Bis das Z-Saatgut im Ackerboden landet, hat es einige Hürden und den Weg vom Sorteninhaber über den Vermehrer und den Handel bis zum Saatgutkunden hinter sich.  Landwirt*innen, die Saatgut vermehren wollen, schließen Verträge mit sogenannten  Vertriebsorganisations-Firmen (VO-Firmen) ab, zum Beispiel mit der Marktgesellschaft der Naturland Bauern AG, dem privaten oder genossenschaftlichen Handel. Die VO-Firma übernimmt die Organisation der Vermehrung, die mit der Anmeldung des Vermehrungsvorhabens vor der Aussaat bei der zuständigen Behörde (in Bayern zum  Beispiel bei der Landesanstalt für Landwirtschaft) beginnt und mit dem Absatz/der Vermarktung des erzeugten Saatgutes endet. Die VO-Firma steht auch bei der Auswahl von geeigneten und künftig nachgefragten, vielversprechenden Sorten zur Verfügung.

Je Kultur gibt es einen Mindestflächenumfang, auf dem der Betrieb Saatgut vermehren muss, bei Getreidearten sind dies je mindestens zwei Hektar. Auch für die Vorfrucht gibt es entsprechende Vorgaben, diese müssen so gewählt worden sein, dass bei Durchwuchs keine Fremdbefruchtung oder Sortenvermischung zu befürchten ist. Abstände zu anderen Flächen müssen eingehalten werden. Bei Populationsroggen als Fremdbefruchter sind hier zum Beispiel mindestens 250 Meter zu anderen  Roggenfeldern vorgeschrieben, bei anderen Getreidearten weniger. Aber grundsätzlich braucht es zu allen anderen Mähdruschfrüchten ausgemähte Trennstreifen von mindestens 40 Zentimetern, um auch hier Vermischungen zu vermeiden. Außerdem ist vorgeschrieben, die Flächen durch entsprechende Schilder mit Informationen, was hier für wen vermehrt wird, zu kennzeichnen. Meist stellen die VO-Firmen ihren Vermehrern hierfür vorgefertigtes Schildermaterial zur Verfügung.

Im Frühsommer werden alle Flächen mit Saatgutvermehrungen von einem staatlich  beauftragten Feldbesichtiger mindestens einmal begutachtet. Dabei spielen  Sortenidentität, Homogenität, Fremdbesatz und samenbürtige Krankheiten eine Rolle.  Genaue Kriterien sind gesetzlich festgelegt und können in der Saatgutverordnung nachgelesen werden.

Zum Beispiel dürfen in einer Hafer-Vermehrung keine Flughaferpflanzen zu finden sein. Andere Arten, die sich schwer herausreinigen lassen, sind auf maximal zehn Pflanzen pro 150 Quadratmeter beschränkt. Die Liste der Kriterien ist lang und für viele Kulturen unterschiedlich definiert. Ziel ist es, sortenreines Saatgut zu erzeugen, das frei ist von Krankheiten und Fremdbesatz und natürlich gut keimfähig. Für den Saatgut-Vermehrer ist es daher selbstverständlich, zuvor mehrmals durch den Bestand zu laufen und per Hand von Fremdgetreide oder entsprechendem Beikraut zu bereinigen. Sollte die Fläche bei der Feldbesichtigung durchfallen, scheidet die Verwendung der Ernte als Saatgut aus.

Ist der Feldbestand anerkannt, muss nach der Ernte das Saatgut eine Beschaffenheitsprüfung im Labor überstehen, wobei auf Reinheit, Fremdbesatz, Sortierung und Keimfähigkeit geprüft wird. Eine sorgfältige Aufbereitung zuvor ist deshalb obligatorisch. Bereits bei der Ernte wird auf eine entsprechend genaue Reinigung des Mähdreschers und der Transportfahrzeuge Wert gelegt. Die Ernte wird nicht nur gegebenenfalls schonend getrocknet, sondern auch gut gereinigt. Die Sortenreinheit kann nur sichergestellt werden, wenn alle Aggregate der Saatgutaufbereitungsanlage zwischen unterschiedlichen Partien entsprechend gereinigt werden. Bei Körnerleguminosen ist auf geringe Fallhöhen und schonenden Transport zu achten, um die Keimfähigkeit nicht zu gefährden. Anschließend wird von einem ebenfalls staatlich beauftragten Probenehmer eine Saatgutprobe entnommen und ins Labor geschickt. Auch hier müssen strenge Grenzwerte zum Beispiel von Fremdbesatz und Keimfähigkeit erfüllt werden, die in der Saatgutverordnung definiert sind. Erst wenn alles passt, darf abgesackt, gekennzeichnet und das Z-Saatgut von den VO-Firmen als solches vermarktet werden.

Ist Biosaatgut gleich Biosaatgut?

Manche Saatgut-Unternehmen gehen über die gesetzlich vorgeschriebenen Saatgutuntersuchungen hinaus. Aus langjähriger Erfahrung im Ökolandbau ist bekannt, dass die Parameter aus der Saatgutverordnung für biologisch wirtschaftende Betriebe nicht immer ausreichen. Chemische Beizmittel stehen nicht zur Verfügung, die das Saatkorn in der Jugendentwicklung gegebenenfalls vor Krankheiten und Schädlingen schützen. Daher fordern einzelne VO-Firmen auf freiwilliger Basis zusätzliche Labor-Analysen an. Zu nennen ist in dem Zusammenhang der Kalttest. Hier wird die Keimfähigkeit bei zehn Grad Celsius in Ackererde geprüft – im Gegensatz zur normalen Keimfähigkeit, die bei 20 Grad Celsius in Sand oder auf Papier durchgeführt wird. Die Keimfähigkeit unter Kalttestbedingungen bildet viel realer die Praxisbedingungen ab und gibt Rückschlüsse auf das spätere tatsächliche Keimverhalten im Acker. Bei einigen Arten ist die Triebkraft, die angibt, wie sich die Pflanzen nach der Keimung weiterentwickeln, eine entscheidende, aufschlussreiche Kennzahl. Eine Untersuchung auf Steinbrand- beziehungsweise Zwergsteinbrandsporen ist eine weitere für Ökoweizen und Dinkel unerlässliche Untersuchung, die nicht standardmäßig bei jedem Saatgut durchgeführt wird. Bezüglich dieser zusätzlichen freiwilligen Untersuchungen empfiehlt es sich, beim jeweiligen Anbieter nach dessen Qualitätsmanagement zu fragen.

Nachbau – eine günstige Alternative?

Nachbau darf nur von der Ernte aus dem eigenen Betrieb und auch nur von bestimmten  Kulturen betrieben werden. Im Sortenschutzgesetz ist dies allgemein geregelt. Ist in der Anlage die Art hier nicht aufgeführt, darf diese nur in Form von Z-Saatgut ausgesät werden (dies gilt zum Beispiel für Soja oder auch Rotklee). In den seltensten Fällen wird  dem Nachbau dieselbe Aufmerksamkeit geschenkt wie einem Vermehrungsbestand, was Feldbereinigung, Reinigung der Erntetechnik und entsprechende Aufbereitung angeht. Darüber hinaus birgt Nachbau die Gefahr, dass der Feldaufgang und die Entwicklung des weiteren Pflanzenbestandes nicht zufriedenstellend sind, weil das Saatgut nicht geprüft und untersucht wurde. Es wird daher immer empfohlen, den eigenen Nachbau untersuchen zu lassen: eine Keimprobe sollte Standard sein und ein Nachbau von Weizen oder Dinkel ohne vorher auf Steinbrandsporen untersuchen zu lassen, kann als fahrlässig  angesehen werden.

Da jede Sorte mit ihren spezifischen Eigenschaften Eigentum des Züchters ist, ist beim Nachbau eine Lizenz an den Züchter zu entrichten. Diese Gebühren werden über die  Saatgut-Treuhand abgewickelt. Auskunftspflichtig sind grundsätzlich alle Landwirt*innen, die dazu aufgefordert wurden. Wer jedoch unter dem – je nach Bundesland festgelegten – gesetzlichen Flächengrenzwert liegt, kann sich von der Zahlungspflicht befreien lassen.

Kurz zusammengefasst

Unabhängig davon, woher das Saatgut stammt:  Als Landwirt*in sollte man nur Saatgut  aussäen, das gesund ist. Dann ist der Grundstein für eine gute Ernte gelegt. Wer zu  ökologischem ZSaatgut greift, bekommt Qualität und Sicherheit. Wer Sorten nachbaut,  sollte dabei einiges, wie zum Beispiel Untersuchungen, beachten.

 

Annegret Schrade,
Beratung für Naturland

Saatgut aus dem Norden

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Saatgut aus dem Norden

Ein Betriebsporträt der BIOTOPP 4/21

Astrid und Jörg Hansen bewirtschaften ihren rund 280 Hektar großen Hof dort, wo andere Urlaub machen: nahe Grömitz, unweit der Ostseeküste. Sie ackern schon lange viehlos und sind auf die Erzeugung von Saatgut spezialisiert.

Astrids Vater stellte den Hof 1989 auf die ökologische Landwirtschaft um. Er war Rechtsanwalt und hatte einen Betriebsleiter angestellt, lenkte die Geschicke des Hofes aber stets. Seine Kinder lernten die Landwirtschaft kennen, was bei der ältesten Tochter Astrid zum Studium der Ökologischen Agrarwissenschaften in Witzenhausen führte, wo sie ihren Mann Jörg kennenlernte.

Die beiden übernahmen den Hof 2004 und bauten den schon bestehenden Betriebszweig der Saatguterzeugung weiter aus. Mitte der 90er-Jahre entwickelte Astrids Vater diese Idee der Spezialisierung, vor allem weil es beim Winterweizen aufgrund der langsamen Erwärmung der Böden schwierig war, Backqualitäten zu erzeugen, aber auch, um ganzjährig Arbeit für die Angestellten zu haben. Er baute ein Getreidelager und erwarb Maschinen zum Reinigen des Saatguts von einem Betrieb, der die Aufbereitung von Getreide zu dieser Zeit einstellte. Seither ist die Aufbereitungsanlage ständig erweitert und verbessert worden. Sie ist Jörg Hansens Reich. Der technikaffine Landwirt tüftelt ständig an ihrer Optimierung. Aus damals vier bis fünf vermehrten Sorten sind inzwischen 15 bis 20 geworden: darunter beispielsweise Winter- und Sommerweizen zur Back- und Futternutzung, Hafer, Winter- und Sommergerste, Winterroggen, Winter- und Sommertriticale, Dinkel, Ackerbohne und Rotklee.

Astrid und Jörg Hansen haben ihren Betrieb voll auf die Saatguterzeugung ausgerichtet.

Foto: Hella Hansen

Win-win in der Vermarktung

Bis vor drei Jahren vermarktete das Ehepaar das Saatgut selbst, seit 2018 läuft das über die Marktgesellschaft der Naturland Bauern AG. „Unsere Kernkompetenz ist die Landwirtschaft und zu der bin ich durch die Zusammenarbeit ein Stück zurückgekehrt“, sagt Astrid Hansen und ergänzt: „Es tut gut, in einem Team mit vielen Möglichkeiten zu arbeiten. Um Marketing, Logistik und Rechnungsstellung kümmert sich jetzt vor allem die Marktgesellschaft. Meine Kunden betreue ich nun mit größerem Angebot weiter.“ Eine Win-win-Situation: Denn die Marktgesellschaft ist im Süden ansässig, hat den Hof Hansen quasi als neuen Standort im Norden. Auch weil mit der Marktgesellschaft der Bereich der potenziellen Abnehmer noch mal stark gewachsen ist, sind die Hansens zufrieden mit diesem Schritt.

Ackerbaulich ist auf dem Hof auch alles auf die Saatguterzeugung ausgerichtet. „Wir müssen die Bestände sauber halten, um die Feldanerkennung zu bekommen“, sagt Astrid Hansen. Die Vorgabe: kein Durchwuchs aus dem Vorjahr und wenig Beikräuter. Das schaffen sie mit ackerbaulichen Maßnahmen wie beispielsweise dem zweijährigen Anbau von Kleegras. „Nach der Ernte bearbeiten wir die Stoppelfelder flach und ganzflächig schneidend gegen Distel, Ampfer und Quecke“, erklärt Jörg Hansen weitere Maßnahmen. „Damit kein Ausfallgetreide in der folgenden Kultur mit aufwächst, werden die meisten Flächen gepflügt. Bei der Feldhygiene müssen wir sehr konsequent sein. Unser Ziel ist die Etablierung von wachstumskräftigen, dichten Beständen, sodass keine weiteren Pflegemaßnahmen nach der Aussaat nötig sind“, so Hansen weiter.

Die hohen Anforderungen an die Saatgutqualität machen eine konsequente Sorgfalt vom Acker über die Ernte und das Lager bis zur Reinigung notwendig, um Verunreinigungen und Beschädigungen des Getreides zu vermeiden. Zum Beispiel müssen die Hansens als Saatguterzeuger einen Mindestabstand zum Nebenfeld einhalten. Bei Ackerbohnen sind es 50 Meter; bei Roggen, der ein Fremdbestäuber ist, sogar 500. Eine gute Dokumentation und die Untersuchung auf samenbürtige Krankheiten ist unerlässlich. Sämaschine, Mähdrescher, Anhänger, Läger: Alles wird nach einem Wechsel zu einer anderen Sorte penibel gereinigt, damit es nicht zu Verunreinigungen kommt. In kleinem Umfang reinigen die Hansens Backgetreide und schälen Dinkel, auch als Dienstleistung für Nachbarbetriebe. Nicht als Saatgut anerkannte oder abgesetzte Partien werden als Speise- oder Futtergetreide vermarktet und das Kleinkorn aus der Saatgutaufbereitung geht zur Verfütterung an benachbarte Tierhalter.

Der Klimaveränderung begegnen

Das Ehepaar spürt auch an der Ostseeküste die Klimaveränderung durch längere Hitze- oder Regenperioden und seltenere Frosttage und sie machen sich viele Gedanken, wie sie damit umgehen.

„Wir müssen flexibler reagieren und viel genauer gucken als früher, welche Bearbeitung passt“, sagt Astrid Hansen. Da kommen viele Fragen auf: „Wie tief wollen wir arbeiten? Müssen wir pflügen oder geht es ohne? Wenn wir nicht pflügen – mit welchen Maßnahmen bekommen wir dann gute Bestände?“ Das Ehepaar will in Zukunft versuchen, den Pflug möglichst wenig einzusetzen. Eine Winterfurche machen sie schon lange nicht mehr und säen Untersaaten und Zwischenfrüchte, um den Boden lange zu begrünen und gut zu durchwurzeln.

„Wenn Pflügen nötig ist, machen wir das bei Sommerungen nur noch im Frühjahr direkt vor der Aussaat“, erklärt Astrid Hansen. „Wir haben uns geschworen, nie wieder auf einen nassen Acker zu fahren“, ergänzt sie. „Jeder faule Kompromiss rächt sich, ggf. noch über Jahre.“ Auf manchen Flächen experimentieren die Hansens auch mit pflugloser Bearbeitung: Dann grubbern sie zum Umbruch von Kleegras und vor der Aussaat der Ackerbohnen flach und ganzflächig schneidend. Vor der jeweils darauf folgenden Saat lockern sie die festen Böden nochmals tiefer und mischend. Der Zinkenstriegel ist für sie keine Alternative in der Beikrautregulierung. Auf den relativ schweren Böden ist das Zeitfenster zum Striegeln kurz und das Wintergetreide ist durch die von Niederschlägen verkrustete Oberfläche kaum striegelfähig.

Betriebsspiegel

Betrieb Hof Hansen in 23730 Bentfeld
(bei Grömitz)

Betriebsleiter:
Astrid und Jörg Hansen

Betriebsgröße:
280 ha Ackerfläche
6 ha Grünland
6 ha Landschaftselemente, verteilt auf drei Standorte in Bentfeld, Großenbrode und Fehmarn

Höhenlage:
0–40 m

Böden/Bodenpunkte:
zwischen 55 und 80; östliches Hügelland, sandiger Lehm bis toniger Lehm

Niederschläge Ø:
630 mm mit meist feuchten Wintern und Frühsommertrockenheit

Arbeitskräfte:
1 fester Mitarbeitender
1 Erntehelfender
1 Auszubildender

Anbau:
6-gliedrige Fruchtfolge
2-jähriges Kleegras
Winter- oder Sommerweizen
Wintergerste oder
Dinkel mit anschließender Zwischenfrucht
Ackerbohnen oder
Hafer mit Untersaat
Triticale
Roggen
Sommergerste

Tierhaltung:
3 Muttersauen mit Nachzucht
Futter: viehloser Ackerbau
Futter-Mist-Kooperation mit Nachbarbetrieb

Vermarktung:
Saatgut und aberkannte oder nicht abgesetzte Saatgutpartien über Marktgesellschaft der Naturland Bauern AG
Kleinkorn an benachbarte Betriebe

Versuch macht klug

So passen die Hansens die Bearbeitung und Fruchtfolge auf den einzelnen Feldern immer wieder an den Mix der herrschenden Bedingungen an. Kein Wunder, dass das Ehepaar gleich in zwei  Demonstrationsnetzwerken mitarbeitet. Im Demonstrationsnetzwerk Erbse/Bohne, in dem es um Körnerleguminosen geht, und im Demonet-KleeLuzPlus, in dem kleinkörnige Leguminosen im Mittelpunkt stehen. Beide Netzwerke wollen Anbau und Verwertung von heimischen Eiweißträgern fördern und erweitern.

„Wir machen gerne in solchen Netzwerken mit, um unsere Beobachtungen zu teilen und Wissen zu erweitern.“

Der Hof Hansen ist Demobetrieb von zwei  Demonstrationsnetzwerken

„Durch die Demonstrationsparzellen, die wir anlegen, werden wir immer ein Stück schlauer. In diesem Jahr waren es beispielsweise Sortendemonstrationen, Saatstärken- und Untersaatvarianten in Ackerbohnen und verschiedene Kräutermischungen im Kleegras. Wir bekommen Unterstützung bei der Anlage und Auswertung der Praxisversuche, die forschenden Mitarbeitenden aus den Projekten können die bei uns erhobenen Daten auswerten: ein Gewinn für beide“, erläutert Jörg Hansen.

Drei Standorte managen

Eine Besonderheit beim Hof Hansen sind drei verschiedene Standorte, für die das Ehepaar mitdenken muss. Um die Hofstelle in Bentfeld herum bewirtschaften sie 165 Hektar, in Großenbrode vor Fehmarn 35 Hektar und auf der Insel Fehmarn 80 Hektar. Standort Nummer drei auf Fehmarn kam 2012 hinzu. Mitte Juli bekamen die beiden die Bewirtschaftung von 80 Hektar angeboten, biologisch bewirtschaftet, da der Vorpächter kurzfristig aufhören wollte. Nach nur zwei Wochen war alles durchkalkuliert, der Vertrag unterschrieben.

„Das war eine aufregende Zeit“, erinnert sich Astrid Hansen – und bot eine große Chance. Die Entscheidung musste schnell fallen, damit die Biozertifizierung nicht verloren geht. Fehmarn ist 50 Kilometer von der Hofstelle an der Lübecker Bucht entfernt. „Wir müssen nicht nur die Bestände hier und dort im Auge behalten, sondern auch den ganzen Maschinenpark so planen, dass wir ihn für beide Standorte nutzen können“, erklärt Jörg Hansen. Immerhin hatten sie schon die Erfahrung, dass es mit einem weiteren Standort klappen kann durch die Flächen in Großenbrode, die seit 2002 zum Hof gehören. „Wir betrachten jedes Feld individuell und trotzdem muss das Ganze zusammenkommen und einen sinnvollen Ablauf ergeben“, sagt Astrid Hansen und ergänzt: „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht mehr Zeit auf der Straße verbringen als auf dem Acker.“ Dennoch haben die verschiedenen Standorte auch Vorteile: Es gibt in Bentfeld feuchte Senken, Kuppen, die sehr tonig sind, auf Fehmarn sehr ebene, arrondierte Flächen, allerdings mit hohem Fuchsschwanzdruck. So hat alles seine Vorteile, aber auch Schwierigkeiten.

Wissen teilen und vermehren. Das gefällt dem Ehepaar.

Foto: Hella Hansen

Kleegras gegen Mist

Als reiner Ackerbaubetrieb mulchten Astrid und Jörg Hansen ihr Kleegras bis 2014, das sie zu circa einem Drittel auf ihrer Ackerfläche anbauen. Um den Stickstoff aus den Feinleguminosen noch effizienter zu nutzen, haben die beiden eine Kooperation mit einem benachbarten konventionellen Milchviehbetrieb vereinbart, der von ihnen Futter bekommt, die Hansens Mist vom Jungvieh.

Gerne hätte das Ehepaar mit dem nächsten Biobetrieb zusammengearbeitet. Aber der ist mit zwölf Kilometern für Transporte weit entfernt und hatte keinen Bedarf an zusätzlichem Futter. Die Zusammenarbeit mit dem Nachbarbetrieb funktioniert hervorragend und führte dazu, dass dieser den hohen Futterwert des Kleegrases kennenlernte.

Lange Saison

Nach der Ernte geht die Arbeit auf dem Hof Hansen noch bis März in der Saatgutaufbereitung weiter. Sie haben eine eigene Durchlauftrocknung, Lager in Flachsilos und Trichterzellen und eine Saatgutreinigung mit Siebkasten, Trieuren und Taumelsieb. Dann geht das Saatgut auf die Reise zu den Kunden. Einige holen es sogar selbst ab und halten noch einen kurzen Schnack. Der Kreislauf auf dem Hof Hansen beginnt mit der eigenen Aussaat wieder von Neuem: mit immer neuen Ideen von dem betriebsleitenden Ehepaar, wie sie ihre Wirtschaftsweise am besten an Klima, Boden und Vermarktung anpassen.

Hella Hansen
FiBL Deutschland

Hand in Hand effizient und nachhaltig arbeiten

Fachartikel

Hand in Hand effizient und nachhaltig arbeiten

Wer einen Ackerbaubetrieb bewirtschaftet und zusätzlich noch außerlandwirtschaftlich tätig ist, muss mit dem Faktor Zeit haushalten. Hier kommt es auf höchste Effizienz an, die pflanzenbauliche Erfordernisse berücksichtigt, aber auch auf gesellschaftliche Erwartungen eingeht. Behilflich sind eine Top-Technik und zuverlässige Betriebsmittel. Am Ende steht dann die Erkenntnis, dass Effizienz nicht nur für Schlagkraft, sondern auch für Nachhaltigkeit steht.

Es ist ambitioniert, einen Ackerbaubetrieb mit einem zweiten Beruf abseits der Landwirtschaft zu kombinieren. Wer sich dafür entscheidet, verlagert seine Feld- und Büroarbeiten meistens in die Zeit, in der andere ihrem Hobby frönen oder einfach nur die Seele baumeln lassen. Das kann nur klappen, wenn Freude die Triebfeder ist. „Mir macht der Ackerbau einfach Spaß“, sagt Imke Austermann-Cruel aus Detmold-Vahlhausen (Nordrhein-Westfalen). Vor sieben Jahren hatte sie den Betrieb vom ihrem Vater Friedrich-Wilhelm übernommen. Damals stand für den Senior, der auch heute noch tatkräftig mit anpackt, fest: „Ich helfe gern und stehe mit Rat und Tat zur Seite. Aber Du machst das komplette Management.“ Das scheute die damals 34-Jährige überhaupt nicht. Aber klar war auch, die Work-Life-Balance muss stimmen. Schließlich ist da noch die Familie, Ehemann Malte und die beiden Jungs Theo (drei Jahre) und Joris (14 Monate). Deshalb gilt bis heute: „Die Arbeit darf nicht ausufern!“ Dieses Motto zog sich wie ein roter Faden durch die weitere Entwicklung des Betriebs. Im Hauptberuf ist die gelernte Landwirtin und Agraringenieurin bei einem mittelständischen Pflanzenzüchter unweit ihres Heimatortes beschäftigt. Weil der viel Verständnis für die Notwendigkeiten eines landwirtschaftlichen Betriebes hat, ließ er seiner Produktmanagerin viel Freiraum, um ihre Arbeitsteilzeit relativ flexibel zu gestalten. Analog zu den Erfordernissen des Hofes arbeitete sie im Frühjahr und Sommer etwas weniger, was im Herbst und Winter ausgeglichen wurde. Aktuell ist die Mutter zweier kleiner Kinder in Elternzeit.

Gemeinsame Sache: Imke und Malte Austermann-Cruel bewirtschaften im westfälischen Detmold-Vahlhausen einen 100-ha-Ackerbaubetrieb.

Foto: Hollweg

Bewusster Einsatz aller Betriebsmittel

Effizienz ist auch die Messlatte für die Betriebsmittel, wie das Beispiel Saatgut zeigt. Hier setzt Austermann vollständig auf Z-Saatgut. „Diese Beizqualität und Reinheit bekäme ich mit eigenem Nachbau nicht hin“, sagt sie. Zudem habe sie keine Ressourcen für eine vergleichbare Aufbereitung. In der Arbeitsspitze zwischen Ernte und Aussaat will sie sich keine zusätzliche Arbeit „aufhalsen“, und das Getreidelager wird für die eigene Ernte benötigt. Ein weiteres Argument nennt die 41-Jährige für den Saatgutwechsel: „Ich möchte am Züchtungsfortschritt der neuen Sorten teilhaben“, sagt sie. Aufgrund ihrer Arbeit bei einem renommierten Pflanzenzüchter weiß sie, wovon sie spricht. Auch deshalb bestellt sie ihre Sortenfavoriten zügig, um das Z-Saatgut auch termingerecht auf dem Hof zu haben. „Wenn man zu spät ist, kann es auch mal knapp werden“, weiß sie aus vergangenen Jahren. Die zu bestellende Saatmenge ist schnell ermittelt. Tausend-Korn-Gewicht und Keimfähigkeit des Z-Saatguts sind bekannt, und die Anbaufläche steht fest, den Rest erledigt ein Taschenrechner. „Da bleiben keine Reste über, die ich zur Seite legen muss“, sagt Austermann. Entscheidungsgrundlage für die Sortenwahl sind die Landessortenversuche der Landwirtschaftskammer, aber auch eigene Erfahrungen der Vorjahre. „Dabei mache ich durchaus Zugeständnisse beim Ertrag“, sagt die Agraringenieurin. Konkret heißt das: Ertragsstabilität geht vor Spitzenertrag. Darüber hinaus lauten ihre Auswahlkriterien: Standfestigkeit, Gesundheit, Qualität. Abgeholt wird das Saatgut vom Landhandel – zusammen mit dem blauen Z-Saatgut-Etikett – lose auf dem Anhänger. Von dort gelangt es per Förderschnecke in den Tank der Sämaschine. „Das ist von einer Person, auch mit wenig Muskelkraft, mühelos allein zu bewältigen“, sagt Austermann. Es gebe kein Hantieren mit Säcken, und auch das Rangieren der sperrigen Big Bags mit einem zweiten Schlepper entfalle. Auch hier sind die Arbeitsabläufe wohldurchdacht und effizient gestaltet.

Aussaat von Triticale: Die Mulchsaat nach Raps erfolgt Anfang Oktober unter optimalen Bedingungen. Zum Einsatz kommt zu 100 Prozent Z-Saatgut.

Foto: Hollweg

Betriebsentwicklung mit Schwerpunkt Effizienz

Immer an ihrer Seite ist Ehemann Malte Cruel, der maßgeblichen Anteil daran hat, dass die landwirtschaftlichen Arbeiten des 100-Hektar-Betriebes „nach Feierabend und an Wochenenden“ schlagkräftig erledigt werden. Mit seiner Expertise als Maschinenbauingenieur hat der 38-Jährige einen besonderen Blick für die Technik. Und das zeigt Wirkung: In jedem Jahr nach der Betriebsübernahme wurde eine neue, teils gebrauchte Maschine angeschafft. Fast jeder erwirtschaftete Euro wurde in den Betrieb gesteckt mit dem Ziel, die Arbeitsabläufe immer effektiver zu gestalten. „Ja, das kostet Geld, spart aber knapp bemessene Arbeitszeit und teure Betriebsmittel“, begründet Austermann ihre Strategie, „und am Ende ist es einfach nachhaltiger.“ Und ein weiter Aspekt kommt hinzu: der Arbeitskomfort. Bestes Beispiel dafür ist der Schlepper: Vor drei Jahren musste der betagte 145-PS-Allradschlepper einem modernen 160-PS-Traktor weichen. Der war nicht nur viel bequemer, auch der deutlich sparsamere Dieselverbrauch und die vielen elektronischen Helferlein, die ein präzises Arbeiten ermöglichen, waren unschlagbare Argumente für den Tausch. Ein anderes Beispiel ist die Feldspritze, die 2015 erneuert wurde. „Damit können die Pflanzenschutzmitteln exakt dosiert, also sparsam ausgebracht werden“, nennt Austermann ein ebenso ökonomisches wie ökologisches Argument. Und natürlich auch hier der Komfort: Alles sei viel bequemer, so müsse man zum Beispiel für das Entriegeln der Spritzgestänge nicht mehr absteigen. Die letzte Anschaffung war eine moderne Sämaschine. „Die Einstellung des Gerätes und das Abdrehen gehen viel schneller und exakter als vorher“, hat Austermann festgestellt. Und auch die Kornablage sei dank Präzisionstechnik spürbar genauer. „Das deutlich homogenere Saatfeld ist mit dem bloßen Auge zu erkennen“, sagt sie.

Komfort auf Schlepper

Foto: Hollweg

Neues und Bewährtes nebeneinander macht flexibel

Trotzdem, alles steht unter dem Diktat des ackerbaulich Notwendigen – besonders bei der Bodenbearbeitung. Trotz des neuangeschafften Grubbers blieb auch Bewährtes im Programm, was auf den ersten Blick so gar nicht in das Bild von Effizienz passt: der zeit- und energieintensive Pflug. „Wir sind froh, ihn nicht verkauft zu haben“, sagt Austermann. Angesichts des zunehmenden Fuchsschwanzdrucks wird der Boden regelmäßig gewendet. Dieses Jahr wurde vor Raps alles gepflügt. „Und trotzdem überlegen wir bei jeder Fläche ganz genau, ob die Pflugfurche nottut“, erklärt die Ackerbauerin. Auch die rasant steigenden Energiepreise schärfen den Blick dafür. Gestaltungsspielraum sieht Austermann bei der Düngung, obwohl der 2002 erworbene Düngerstreuer noch gute Dienste leistet. Aber: „Wir wollen weg vom Schema F, uns noch mehr Gedanken über Effizienz und Genauigkeit machen“, sagt Austermann und meint damit wirtschaftliches und nachhaltiges Arbeiten. Das gelte für die überwiegend mineralische, aber auch die organische Düngung. Austermann präferiert ein Zusammenspiel aus beiden Varianten. Mit der standardisierten Ware wie Kalkammonsalpeter (KAS) zu Getreide und Raps, schwefelsaurem Ammoniak (SSA) zu Raps oder Diammonphospat (DAP) zu Mais ließen sich die Bestände exakt führen. Zudem sei man durch die eigene Technik flexibler. Die organische Variante – Rückfluss aus der Biogasanlage, die Austermann mit ihrem Mais beliefert und vom Lohnunternehmer ausgebracht wird – verbessere die Humusbilanz und sei angesichts der explodierenden Preise für Düngemittel günstiger. Optimierungspotenzial sieht Austermann in der Sensortechnik, über die teilflächenspezifisch, also nahezu quadratmetergenau, gewirtschaftet werden kann. „Precision farming ist ein interessantes Thema. Es weist den Weg in eine noch effizientere und nachhaltigere Zukunft“, sagt Austermann. Das gelte für Düngung und Pflanzenschutz gleichermaßen. Beim Pflanzenschutz lautet die Devise „eher extensiv als intensiv“. Die Maßnahmen basieren auf den regionalen Beratungsempfehlungen der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen (NRW). Parallel dazu begutachtet die Landwirtin intensiv ihre Bestände, zählt Unkräuter in der Fläche, wertet Gelbschalen aus und orientiert sich an Schadschwellen. Klinisch rein ist nicht das Ziel. In diesem Sinne sei man „kein Vorzeigebetrieb“, wohl eher im Sinne von Naturschutz und Nachhaltigkeit. In Anlehnung an den integrierten Pflanzenschutz bedeutet das: so viel wie nötig, so wenig wie möglich!

Raps

Foto: Hollweg

Sandiger Lehm

Foto: Hollweg

Vielfältige Fruchtfolge mit Ackerbohnen

Während beim Pflanzenschutz eher geknausert wird, darf es bei der Fruchtfolge etwas mehr sein. Austermann hat sich im Rahmen der Agrarumweltmaßnahmen des Landes NRW zum „Anbau vielfältiger Kulturen im Ackerbau“ verpflichtet. Mindestens fünf verschiedene Kulturen sind vorgegeben, jede mit mindestens 10 % und maximal 30 % Anbauanteil, Getreide wird auf maximal 66 % begrenzt. Zudem ist der Anbau von 10 % Leguminosen zwingend vorgeschrieben. Die Eingliederung der Ackerbohne hat Austermann nicht bereut. „Sie hat die Fruchtfolge bereichert und ist eine hervorragende Vorfrucht für den Winterweizen“, hat sie erfahren. Hinzu kommen Zwischenfrüchte, insbesondere ein Senf-Ölrettich-Gemenge vor Mais, das über den Winter abfriert und dann eingearbeitet wird. Auch Gemenge mit Phacelia, Rauhafer und Ramtillkraut, die den Humusgehalt fördern, kommen zum Einsatz. Davon profitiert die Ackerkrume, denn das Bodenleben wird aktiviert und das Nährstoff- und Wasserhaltevermögen spürbar verbessert. „Und das klimaschädliche Gas Kohlendioxid wird fixiert“, nennt Austermann eine weitere positive Umweltleistung. Für das Greening jedenfalls werden die Zwischenfrüchte nicht benötigt, dafür hat der Betrieb genügend Feldrandstreifen, Brachen und Blühflächen. Durch die Vorgaben des Programms muss mehr als vorher gerechnet und „jongliert“ werden, bis am Ende der Anbauplan steht. Das liegt auch an dem eigenen Anspruch, eine Flächenaufteilung hinzubekommen, „die nur wenige Umbauten der Geräte beim Schlagwechsel notwendig macht“. Obwohl der Betrieb vollständig arrondiert ist, wird hier das Letzte an Effizienz herausgekitzelt. Am Ende steht eine Fruchtfolge, die in etwa diesem Rhythmus folgt: Silomais/Ackerbohnen – Winterweizen (A) – Winterraps – Wintertriticale/Wintergerste. Die letzten zwei Jahre blieb die Gerste außen vor. „Es hatte aufgrund der Flächengröße nicht gepasst“, erklärt Austermann und nennt den Dinkel eine Option für die Zukunft.

Betriebsspiegel

Betrieb
Austermann-Cruel, Detmold-Vahlhausen

Betriebsleiterin:
Imke Austermann-Cruel

Gesamtfläche: 100 ha Ackerfläche und
4,3 ha Grünland (davon 60 ha gepachtet)
3 ha Wald
Bodenart: Lehm, bzw. sandiger Lehm
(40 – 65 Bodenpunkte)
Niederschlag: 800 mm im Jahr, gute Niederschlagsverteilung Jahresdurchschnittstemperatur: 9,3 °C

Ackerbau:
Winterweizen (A): 26 ha (80 dt/ha) Wintertriticale: 22 ha (80 dt/ha)
Wintergerste 2019: 10 ha (55 – 65 dt/ha)
Winterraps: 17 ha (35 – 40 dt/ha)
Silomais: 15 – 18 ha (550 dt/ha)
Ackerbohnen: 10 – 12 ha (35 – 40 dt/ha) Zwischenfrüchte: 15 – 18 ha

Keine Tierhaltung

Außentechnik:
zwei Traktoren (160 und 115 PS)
ein Mähdrescher
eine Pflanzenschutzspritze
eine Saatkombination
ein Zwei-Scheiben-Düngerstreuer
zwei Grubber
ein Pflug
zwei Mulcher
vier Anhänger
für Grünland: Mähwerk, Wender, Schwader

Betriebliche Flexibilität heute und in Zukunft

Nicht so recht ins Bild der Top-Effizienz passt der 35 Jahre alte Mähdrescher. „Den hätten wir gut verkaufen können“, sagt die Betriebsleiterin, doch mit der alten Maschine bleibe man flexibel. Wenn es bei der Ernte wetterbedingt eng wird und der Lohnunternehmer keine Zeit hat, wird die alte Maschine angeschmissen und das Getreide in den kurzen trockenen Phasen selbst gedroschen. „So haben wir dieses Jahr die Triticale in einigen Etappen geradezu vom Feld gestohlen“, erzählt Austermann, deren Mutter Bärbel in der Erntezeit mit Freude den Drescher steuert. Die Wetterextreme der zurückliegenden Jahre ließen die Erträge stark schwanken. Die Bilanz 2021 ist in Ordnung. Ein Teil der Getreideernte sowie die gesamte Raps- und Bohnenernte gehen immer direkt nach dem Drusch per LKW-Verladung ab Hof an den Landhandel. Der größte Teil aber, ausschließlich A-Weizen, wandert in das knapp 200-Tonnen-Lager. Für eine eventuelle Trocknung stehen zwei Anlagen zur Verfügung. Alles in allem zeigt der Betrieb Austermann-Cruel ein in sich stimmiges Konzept, das auf Effizienz und Nachhaltigkeit ausgelegt ist. Doch wie geht es weiter angesichts der intensiv geführten Debatte um die Zukunft der Landwirtschaft? „Wir müssen registrieren, was Gesellschaft und Politik von uns erwarten“, stellt Austermann fest. Und: „Nur wenn unsere Arbeit akzeptiert und wertgeschätzt wird, können wir erfolgreich wirtschaften.“ Auch deshalb sucht sie das Gespräch mit den Dörflern, wenn sie „mit der Spritze über das Feld fährt“ oder kündigt „frische Landluft“ an, wenn Gärsubstrat ausgebracht wird. Mit Blick auf die Landwirtschaft als zweites Standbein neben dem Beruf formuliert das Ehepaar Austermann-Cruel einige „lockere Ideen“: Vielleicht werde man mit dem Lohnunternehmer oder mit anderen Landwirten intensiver zusammenarbeiten. Und auch die Öko-Landwirtschaft ist eine Option, über die man sich auf dem Hof Austermann-Cruel Gedanken macht. Am wichtigsten aber ist die Freude an der Arbeit. „Solange es uns Spaß macht, werden wir weitermachen“, sagen beide.

Walter Hollweg

Weniger ist manchmal mehr

Fachartikel

Weniger ist manchmal mehr

Wer Alternativen zur konventionellen Landwirtschaft sucht, der reinen ökologischen Lehre aber nicht folgen kann, für den mag die Hybridlandwirtschaft ein Weg sein. „Das Beste aus zwei Welten“, nennt das der Ackerbauer des Jahres 2020, Stefan Leichenauer, den eine ganz persönliche Geschichte zum Umdenken brachte. Die Kombination aus heute Bewährtem und altem Wissen in neuem Gewand bringen ihm gute Ernten. Und dank regionaler Vermarktung rechnet sich das Ganze.

Wenn Stefan Leichenauer über seine achtgliedrige Fruchtfolge spricht, ist ihm der Stolz, seinen eigenen Weg hin zu einer nachhaltigen und regional ausgerichteten Landwirtschaft gefunden zu haben, anzumerken. Dazu hat er einige der sonst üblichen Praktiken auf seinem „Lauterbach-Hof“ über Bord geworfen. Der Betrieb, traumhaft eingebettet in eine Postkartenlandschaft des Schwarzwaldes, liegt in Tengen, etwa 40 km vom westlichen Zipfel des Bodensees entfernt.

Leichenauer hat sich einer Landwirtschaft zugewandt, die in Fachkreisen als Hybridlandwirtschaft bezeichnet wird. Er selber fremdelt mit dem Begriff, der Modernes suggeriert, für ihn aber eher eine Rückbesinnung auf altes Wissen ist. Für den 45-jährige Landwirt vereint sich darin das Beste aus zwei Welten, nämlich der konventionellen und der ökologischen Landwirtschaft. „Orientierung an Bio ja, aber eben nicht die reine Lehre“, lautet seine Devise. Eine Parallele zu den Bioanbauern sieht er aber doch: „Es muss klick machen im Kopf. Wer das aus rein ökonomischen Erwägungen macht, wird es schwer haben.“ Für ihn steht fest: „Landwirtschaft nach Schema F geht heute nicht mehr.“ Die Jury eines Agrarverlages hat seine Arbeit überzeugt. Sie verlieh ihm den Titel „Ackerbauer des Jahres 2020“.

Sein Weg dorthin war nicht einfach und von persönlichen Schicksalen begleitet. Bis 2014 bewirtschafteten sein Vater und er 170 Hektar (ha) Ackerland und betreuten 35 Milchkühe. Viel Arbeit für beide, aber der Junior hatte unbändige Kraft und aufgrund der Doppelspitze auf dem Hof auch die Zeit, sich im Landesbauernverband zu engagieren. Leichenauer war präsent und bekannt. „So einer gehört in die Landespolitik“, hieß es damals, und die ihm nahestehende Partei machte ihm Avancen.

15 Jahre lief das rund, bis der Vater vor sieben Jahren plötzlich verstarb – und von jetzt auf gleich veränderte sich alles. Er stand alleine in der Verantwortung für den Hof. Was vorher vier Schultern trugen, lastete nun allein auf seinen. Ein Jahr, das Trauerjahr, hielt Leichenauer das durch, auch weil er tatkräftig von der ganzen Familie unterstützt wurde, insbesondere den beiden Brüdern und der Ehefrau. Am Ende aber rebellierte der Körper, beim Mähdreschen kam es zum Zusammenbruch. Diagnose: Burn-Out.

Es dauerte seine Zeit, bis Leichenauer wieder Tritt fasste. Mithilfe von Stressseminaren der Berufsgenossenschaft, einer Heilpraktikerin und der Naturmedizin kam die alte Stabilität langsam zurück. Und es wuchs die Erkenntnis, etwas verändern zu müssen. „Die Zeit war reif, Hof und Leben neu zu sortieren“, sagt er heute im Rückblick. Alles kam auf den Prüfstand, und bei den Entscheidungen gab es keine Tabus: Die arbeitsintensiven Milchkühe wurden gegen genügsamere Mastbullen getauscht, die bis dato noch zusätzlich erledigten Lohnarbeiten eingestellt und das ehrenamtliche Engagement stark zurückgefahren. Wichtigster Schritt aber war wohl die Verkleinerung der Betriebsfläche auf 145 ha, auf denen der Anbau komplett umgekrempelt wurde.

Die Landwirtschaft im Schwarzwald ist seit jeher kleinteilig strukturiert. Mittlerweile werden drei oder vier Schläge zu größeren Flächen zusammengelegt. Das macht das Arbeiten wirtschaftlicher.

Foto: Hollweg

Betriebsspiegel

Lauterbach-Hof

Betriebsleiter:
Stefan Leichenauer

Ackerbau
Gesamtfläche: 145 ha (95 ha Acker,
50 ha Grünland – Magerwiesen),
davon 120 gepachtet, 2 ha Wald
Bodenart: lehmiger Ton, steinig (35 Bodenpunkte)
Niederschlag: 780 (650 – 800) mm im Jahr
Jahresdurchschnittstemperatur: 8 °C
Winterweizen: 20 ha (75 dt/ha)
Wintergerste 7 ha (75 dt/ha)
Sommergerste 14 ha (60 dt/ha)
Hafer: 14 ha (65 dt/ha)
Durum: 7 ha (55 dt/ha)
Dinkel: 15 ha (70 dt/ha)
Zwischenfrüchte: 60 ha
Luzerne: 3,5 ha
Blühäcker, Bienenweide: 7 ha

Tierhaltung
55 Mastbullen

Außentechnik:
ein Mähdrescher
(5,40 m-Schneidwerk, Fünf-Schüttler)
zwei Traktoren
(150 und 160 PS mit GPS)
eine Pflanzenschutzspritze
(1.300 Liter, 21 m Arbeitsbreite, GPS)
eine Saatkombination
(3 m Arbeitsbreite, ISO-BUS-gesteuert)
ein Zwei-Scheiben-Düngerstreuer (GPS)
Grubber, Pflug, Federzinkenegge für die Bodenbearbeitung

Fruchtfolge von drei auf acht Glieder erweitert

Früher setzte Leichenauer, wie seine Berufskollegen auch, auf die übliche Fruchtfolge Wintergerste – Winterraps – Winterweizen. 2015 brach er mit dieser Konvention und lässt seitdem acht Fruchtfolgeglieder rotieren. Im Telegrammstil liest sich das so: Wintergerste – Winterdinkel – Winterweizen (E) – Winterdurum – Hafer – Sommergerste – einjährige Bienenweide – Luzern. Sollte der Winterweizen zum 15. Oktober nicht eingesät sein, wird er durch Sommerweizen ersetzt. „Wir wollen den Boden ja nicht kaputt fahren“, erklärt Leichenauer.

Der Boden, „diese bei uns nur 17 cm starke Auflage“, sei das wichtigste Produktionsmittel, das er hegen und pflegen will. Dabei macht ihm die Natur das Arbeiten nicht leicht. Fast 100 Prozent Hanglage, eben typisch für den Schwarzwald, und zudem steinige und leichte Böden, stellen an ihn und seinen Maschinenpark bisweilen extreme Herausforderungen.

Gepflügt wird nur zu den Sommerungen, sonst kommen lediglich Grubber und Federzinkenegge zum Einsatz. „Das pfluglose Arbeiten hat nicht nur die Schlagkraft erhöht, sondern greift auch weniger in die Bodenstruktur ein als Pflug und Kreiselegge“, erklärt der Landwirt.

Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dem Humus. Durch Komposte und Zwischenfrüchte konnte der Gehalt von 2,5 Prozent auf etwa fünf Prozent verdoppelt werden. Um den Erfolg zu zeigen, greift er in den Getreidebestand und zieht ein Büschel Pflanzen samt Wurzelwerk heraus. Der Boden ist von krümeliger Struktur und sichtbar von organischer Substanz durchsetzt. „Das ist die Basis für unseren ackerbaulichen Erfolg“, freut sich Leichenauer. Und um seine Aussage noch zu verstärken, greift er in den Bestand des Nachbarn, zieht dort ebenfalls ein Pflanzenbüschel aus dem Boden und demonstriert den sichtbaren Unterschied.

Auch andere pflanzenbauliche Entscheidungen orientieren sich an der Vitalität des Bodenlebens: Hafer als Gesundungsfrucht mit geringem Stickstoff-Bedarf, Leguminosen in der Fruchtfolge, Bodenruhe durch einjährige Blühweide sind Beispiele dafür. „Wir gehen sorgsam mit dem Boden um und wollen ihm immer wieder Zeit geben zur Erholung“, erklärt der Schwarzwälder Landwirt. Und auch das sagt er: „Ein Boden ist wie ein Kind, man kann ihn erziehen oder auch verziehen.“ Leichenauer hat sich für Ersteres entschieden.

Gerade einmal 17 Zentimeter ist die obere Bodenschicht stark, auf der Leichenauer seine Pflanzen anbaut. In seiner achtgliedrigen Fruchtfolge gönnt er dem Acker regelmäßig eine Ruhepause.

Foto: Hollweg

40 Prozent weniger chemischen Pflanzenschutz

Auch sein Bestreben, den chemischen Pflanzenschutz zurückzufahren, passt in diesen Kontext. So konnte Leichenauer durch den Einsatz des Striegels den Herbizideinsatz deutlich zurückfahren. Mittlerweile ist bei ihm nur noch die Herbstbehandlung gesetzt, sonst dominiert das mechanische Verfahren. Wenn es allerdings eng wird im Frühjahr und den Unkräutern anders nicht mehr beizukommen ist, greift er doch auf die Chemie zurück. Glyphosat ist dabei keine Option für ihn, das hat er für sich zum Tabu erklärt. „Dieses Jahr wird die sechste Ernte in Folge sein, ohne diesen Wirkstoff eingesetzt zu haben“, sagt er in dem ihm eigenen breiten süddeutschen Dialekt.

Beim Einsatz von Fungiziden schaut er ebenfalls ganz genau hin, ob eine Behandlung nottut. Um hier mit weniger auskommen zu können, hat er bei der Aussaat die Reihenabstände verbeitert. Mit dieser verfahrenstechnischen Anleihe aus dem Öko-Anbau hat er bisher gute Erfahrungen gemacht. „Immer öfter komme ich mit nur einer Behandlung pro Jahr aus“, lautet Leichenauers Bilanz der zurückliegenden Jahre.

Unter dem Strich, so hat der Landwirt nachgerechnet, konnte er seinen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um bis zu 40 Prozent reduzieren. „Das ist schon gut, aber noch nicht das Ende“, sagt er und will an dieser Schraube weiter drehen. Auch deshalb ist der Lauterbach-Hof einer von fünf Betrieben, die an einem vom Land Baden-Württemberg und dem Chemiekonzern Bayer durchgeführten Projekt mitarbeitet. Dessen Ziel ist es, Mittel und Wege zu finden, den Einsatz von Pflanzenschutzmittel um die Hälfte zu reduzieren.

Stattdessen stehen bei Leichenauer Betriebsmittel auf der Liste, die viele Berufskollegen in den Bereich der Esoterik verbannen würden: Mikroorganismen, Bodenhilfsstoffe, Biostimulanzien kommen bei ihm regelmäßig zum Einsatz. Und er schwört auf Bittersalz. Bei jedem Einsatz der Feldspritze bringt er über die Spritzbrühe gleichzeitig 5 kg pro Hektar aus, pro Jahr sind das etwa 15 – 20 kg. „Das kostet etwa zwei bis drei Euro, bringt aber enorm viel“, sagt er.

Von der Wirkung dieser „weichen Stoffe“ ist Leichenauer fest überzeugt. „Das macht die Pflanzen gesünder, und ich spare zusätzlich Stickstoff“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. Zudem führe die höhere Vitalität des Getreides zu längeren Wurzeln. Einen Zentimeter soll die Differenz betragen, und der könne in Trockenphasen den Unterschied machen. „Dieser Zentimeter bedeutet eine Woche längere Wasserverfügbarkeit“, weiß er und quantifiziert auch gleich den wirtschaftlichen Vorteil: Der könne sich schnell auf 400 – 500 Euro pro Hektar belaufen.

Modernste Technik ist selbstverständlich. Die hydraulisch angetriebenen Streuscheiben des Düngerstreuers ermöglichen eine punktgenaue Platzierung auch in Hanglagen.

Foto: Hollweg

Alles dreht sich um das Thema Qualität

Neben den neuen Betriebsmitteln hat Bewährtes nach wie vor seinen festen Platz auf dem Lauterbach-Hof: Dazu gehört der Einsatz von zertifiziertem Saatgut in Kombination mit einer gezielten Sortenwahl. Dass Leichenauer komplett auf Z-Saatgut setzt, ist zum einen vertraglich verordnet, zum Beispiel beim Anbau von Backweizen, beruht aber auch auf eigenen Erfahrungen. „Mit eigener Absaat konnten wir den geforderten Eiweißgehalt von 14 Prozent nicht halten“, musste Leichenauer feststellen. Und bei Sommergerste ist ihm ein Nachbauversuch fehlgeschlagen, da der Bestand sehr ungleichmäßig auflief.

Bei der Sortenwahl blickt er besonders auf das Kriterium Pflanzengesundheit. Darüber will Leichenauer zum Beispiel versuchen, den Fungizideinsatz noch weiter zu reduzieren. „Ich achte besonders auf die Mehltauresistenz der Sorten“, sagt der Landwirt. Und er nennt auch technische Vorteile der zertifizierten Qualität: Mit dem homogenen Saatgut ließe sich die Sämaschine exakt abdrehen und die Anzahl der aufgelaufenen Pflanzen pro Quadratmeter verlässlich ermitteln.

„Die Saatgutvermehrer und -aufbereiter machen einen professionellen Job“, stellt er fest und fügt hinzu: „Wenn ich Qualität erzeugen will, muss ich auch Qualität säen.“ Wenig Verständnis hat er für Berufskolleginnen und -kollegen, „die 100.000 Euro für einen Schlepper ausgeben, aber beim Saatgut sparen“.

Qualität ist das zentrale Thema für Leichenauer, wenn es um die Vermarktung seiner Produkte von Acker und Stall geht. „Wir wollen zukunftsfähige Märkte vor der eigenen Haustür bedienen“, lautet die Strategie des Schwarzwälder Landwirts, weil er weiß: „Ohne regionale Vermarktung hat unser Betrieb keine Zukunft.“ Und so sucht er aktiv den Kontakt zu Abnehmern in der Nähe. Mittlerweile gehen potentielle Kunden aber auch direkt auf ihn zu. Seine Popularität als Ackerbauer des Jahres, aber auch seine intensive Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache zeigen Wirkung.

So findet fast jedes Produkt seinen Weg zu einem regionalen Abnehmer: Den Winterweizen liefert Leichenauer an einen Bäcker vor Ort, sein Durum geht an einen regionalen Nudelhersteller, seine Sommer-/Braugerste wird von süddeutschen Brauereien verarbeitet, der Hafer geht an einen Produzenten von Hafermilch, und sein Dinkel wird von einem regionalen Landhändler abgenommen und weitervermarktet. Einzig Wintergerste und Luzerne verbleiben auf dem Betrieb, ebenso das Gras der 50 Hektar ganz bewusst extensiv geführten Magerwiesen. Alles wird an die Fleischrinder verfüttert, die von einem Metzger in der Nachbarschaft zu Dry-age-Beef veredelt werden.

Wenn sich die regionale Vermarktung rechnen soll, müssen immer die Qualität und oft auch der Liefertermin stimmen. Die Qualität seines Getreides sichert Leichenauer unter anderem über den eignen Mähdrescher, der stets zum optimalen Druschtermin eingesetzt werden kann. Nervenzehrendes Warten auf den Lohnunternehmer ist ihm fremd. Und da er sich beim Drusch richtig Zeit lässt, also langsam fährt, benötigt sein Fünf-Schüttler auch keinen Hangausgleich.

In der Flexibilität der Getreidelieferung steckt allerdings noch Potenzial. Derzeit denkt Leichenauer über neue Lagerkapazitäten für seine verschiedenen Getreidearten nach. „Dann könnte ich just in time liefern“, sieht er den klaren Vorteil. Allerdings müssten die Preisaufschläge so ausfallen, dass sich die erheblichen Investitionen auch lohnen. Zeit also für einen sehr spitzen Bleistift. Bei seinen Fleischrinden ist das mit der Flexibilität einfacher. Die werden in dem Rhythmus aufgestallt, wie sie später vom Schlachter abgeholt werden.

Der steinige Boden, die Hanglage und die nur 35 Bodenpunkte stellen hohe Anforderungen an das Know-how des Landwirts und seinen Maschinenpark. Der Pflug kommt nur noch im Herbst zum Einsatz.

Foto: Hollweg

„Wenn die Qualität stimmt, kaufen die Leute“

In den vielen verschiedenen Produkten, die Leichenauer augenzwinkernd „meinen Bauchladen“ nennt, sieht er die Zukunft seines Betriebes. Corona habe noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass der Verbraucher regionale Produkte wünsche. „Wenn die Qualität stimmt, kauften die Leute auch“, sagt der Landwirt. Und entsprechend eindeutig fallen die Reaktionen seiner Abnehmer aus: Sie reißen ihm seine Erzeugnisse aus den Händen.

Dieses Modell wird auch gerne von der Politik präsentiert, die sich parteiübergreifend über den Agrarstandort Deutschland Gedanken macht. Leichenauer pflegt gute Kontakte zur Landes- und Kommunalpolitik. Vom Ministerpräsidenten bis zum Bürgermeister lassen sie sich gerne von den Ideen des Schwarzwälder Landwirts inspirieren. Ihnen und allen anderen schildert er gerne seinen Antrieb, eine nachhaltige generationenübergreifende Landwirtschaft zu betreiben.

Trotz dieser Begeisterung sieht er die aktuelle Situation des Lauterbach-Hofs realistisch. „Es reicht zum Leben, es reicht aber kaum, um für die kommende Generation gezielt zu investieren“, so seine Einschätzung. Dabei hat er zwei Söhne, elf und 14 Jahre alt, die beide für die Landwirtschaft brennen und den Betrieb später liebend gerne übernehmen würden. Denen rät er ganz bewusst, zunächst einen anderen Beruf zu erlernen, um im Fall der Fälle ein zweites Standbein zu haben.

Angesichts der unsicheren politischen Rahmenbedingungen sei die Zukunft eben ungewiss. „Heute setzen nicht mehr allein Natur und Wetter den Rahmen, hinzu kommen noch Bürokratie und Auflagen“, sagt er. Bei ihm vor der Haustür kommt ein weiteres Problem hinzu: der Druck durch die Berufskollegen aus der Schweiz, deren Grenze in Sichtweite liegt. „Die können doppelt so hohe Pachten zahlen, denn sie bekommen im eigenen Land 36 Euro für einen Doppelzentner Weizen“, weiß Leichenauer. Zudem erhielten sie ebenfalls die EU-Flächenprämie, obwohl die Schweiz kein EU-Mitglied ist. Wenn die ihre Pachtangebote unterbreiten, steigt Leichenauer aus. Das war auch im letzten Jahr der Fall, als ihm auf diese Weise vier Hektar von einem langjährigen Verpächter verloren gingen.

Das ist ärgerlich, aber Leichenauer nimmt es sportlich. Seit seinem Burn-Out hat er sich von dem „Immer-mehr-und-immer-größer“ verabschiedet. „Natürlich wären mit meiner Maschinenausstattung und weiterer Manpower 100 Hektar mehr machbar“, sagt er, aber diese Kraft und Nerven will er nicht mehr investieren. Stattdessen nimmt sich der süddeutsche Landwirt heute gerne die Zeit, sich an seiner Arbeit, seinen prächtigen Feldern und zufriedenen Mastbullen zu erfreuen. Freizeit ist heute fest eingeplant, dann radelt er mit seiner Frau durch die schöne Landschaft oder inspiziert mit seinen Söhnen den Stand der Kulturen. Und dann ist da noch eine ungewöhnliche Ablenkung: Regelmäßig geht der in ein nahegelegenes Sägewerk, packt dort kräftig mit an und denk an alles, außer Landwirtschaft.

Stefan Leichenauer mit (von rechts) seinen Söhnen Moritz und Nils sowie dem Neffen Daniel. Auch wenn alle für die Landwirtschaft brennen, rät der Landwirt zunächst zu einer anderen Berufsausbildung.

Foto: Hollweg

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