Fachartikel
Das Korn im Fokus
Während auf politischer Ebene ein mögliches Verbot verschiedener Beizmittel diskutiert wird, stellt sich im Feld eine ganz andere Frage: Was schützt das Saatgut von morgen?
Steinbrand, Flugbrand und Fusarium kennen keine politischen Debatten – Saatgut muss Jahr für Jahr gegen diese Erreger bestehen, um Landwirten eine erfolgreiche Ernte zu bescheren. Chemische Beizen waren hier in den vergangenen Jahren das Mittel der Wahl, um die Körner von Beginn an zu schützen – sie überzeugen durch geringe Aufwandmengen, eine Wirkung direkt am Korn, weniger Überfahrten und nicht zuletzt: sichere Ernten. Doch dieser „Königsweg“ im integrierten Pflanzenschutz gerät nun unter Druck. Wirkstoffe stehen vor dem Aus und neue Genehmigungsverfahren dauern immer länger. Industrie und Wissenschaft arbeiten daher unter Hochdruck an Lösungen. Einen praktischen Einblick ermöglichten verschiedene Expertinnen und Experten den Teilnehmenden der Webinarreihe „KornKompetenz“ im vergangenen Winter. Eins scheint sich abzuzeichnen: Es geht um mehr als die bloße Genehmigung von Wirkstoffen – am Umgang mit Beizen könnte sich zeigen, in welche Richtung es für den chemischen Pflanzenschutz geht.
Die Zulassung als Nadelöhr
Dr. Dominique Kreul, Leiterin der Registrierung für Deutschland bei Syngenta, kennt die Genehmigungs- und Zulassungsprozesse in Sachen Pflanzenschutz und Beizen genau: „Eigentlich sollte eine Bewertung auf der EU-Ebene innerhalb von ca. 2,5 Jahren durchgeführt werden, aber leider sieht die Theorie in der Praxis anders aus. Es kann bis zu ein Jahrzehnt dauern, bis die Prüfung abgeschlossen ist“, berichtete sie und führte als Beispiel den Wirkstoff Trinexapac an, der ganze neun Jahre auf seine Wiedergenehmigung warten musste. Sie erläuterte den Zuhörern außerdem anhand eines Ampelfarbensystems, wie die Wirkstoffeigenschaften über eine Genehmigung und die dazugehörigen Genehmigungszeiträume entscheiden. Liegen die Wirkstoffe im „grünen Bereich“ kann eine Genehmigung für zehn bis fünfzehn Jahre erteilt werden, da ein akzeptables Risiko für Gesundheit und Umwelt vorliegt. Im Vergleich dazu gibt es Wirkstoffe, die auf Grund ihrer Eigenschaften eher in einem „gelben Bereich“ einzustufen sind und somit für maximal sieben Jahre genehmigt werden können: die sogenannten Substitutionskandidaten – hier muss auf Grund der höheren Risiken für Mensch, Tier oder Umwelt (z. B. Persistenz oder Toxizität) eine vergleichende Bewertung auf nationaler Ebene durchgeführt werden. Wird dabei eine sichere Alternative für eine Indikation gefunden, kann die Zulassung eines Mittels eingeschränkt oder sogar nicht erteilt werden. Keine Genehmigung in der EU erhalten dagegen Wirkstoffe im roten Bereich mit Cut-off-Kriterien, die zum Beispiel eine erbgutschädigende oder krebserzeugende Wirkung aufweisen.
Beizen vor dem Aus?
Was das nun für die chemischen Beizen bedeutet, beleuchtete Michael Hölter, BASF Leiter Fachberatung Deutschland. In der Liste aktuell zugelassener Beizmittel fallen viele gelb markierte Mittel auf, also Stoffe, die im Idealfall substituiert werden sollen. Insbesondere bei Fludioxonil und Tebuconazol ist innerhalb des Verfahrens wahrscheinlich, dass die Genehmigungen nicht verlängert werden.
Indem der Experte betroffene Mittel aus der Liste strich, verdeutlichte er den Teilnehmern die Brisanz des Themas. „Das Bild wird sehr dünn“, brachte er es auf den Punkt. Während für Gerste nur noch ein Produkt übrigblieb, ging Hafer in diesem Szenario leer aus. Der Experte machte jedoch auch deutlich, dass es weiter fungizide Beizen geben werde und BASF in deren Entwicklung investiert, selbst wenn einige die Zulassung verlieren. Es sei jedoch damit zu rechnen, dass bei einzelnen Getreidearten Bekämpfungslücken entstehen.
Wirkstofflücken schließen
Doch wie kann Saatgut alternativ behandelt werden, damit diese Lücken geschlossen werden? Aktuell werden verschiedene Optionen entwickelt und getestet. Elektronenbehandlung, Dampf, Bürsten – Körner können auf verschiedene Art und Weise desinfiziert werden. „Physikalische Verfahren haben eine breite Wirkung gegen Mikroorganismen und Pilzsporen, die außen auf der Schale sitzen oder als Pilzmyzel in den äußeren Randschichten“, erklärte Hölter. Dies gelte jedoch nicht für Flugbrände, da diese im Embryo des Korns sitzen. „Hier muss man erstmal rankommen“, weiß Hölter. Die Zunahme von Steinbrand und Flugbrand im Feld lässt sich bereits beobachten, berichtete der Saatgut-Experte. „Man nimmt an, durch die rückläufige Beizquote.“ Auch Kreul bestätigte: „Es ist eine Mammutaufgabe, vor der man steht. Man muss sich immer wieder an neue Szenarien anpassen, schaut nach Alternativen, um Lücken zu schließen. Das kann man nicht kurzfristig lösen.“ Ausnahmen für Vorstufen- und Basissaatgut hält Kreul daher für „wünschenswert“. Ein Vorschlag, den auch der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter e. V. unterstützt. Auf Nachfrage schätzt der Verband, dass circa 1 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf Zuchtgärten und Vermehrungsflächen zurückfällt. Diese versorgen also wiederum 99 % der Ackerflächen mit Saat- und Pflanzgut – eine Ausnahmeregelung zur Beize in bestimmten Gebieten, um gesundes Saatgut für die Landwirtschaft bereitstellen zu können und Ernten abzusichern, hält der Verband daher für mehr als gerechtfertigt.
Elektronenbehandlung als Chance
Roul Gamser von Geno-Saaten und André Weidauer von E-VITA stellten den Teilnehmern der Webinar-Reihe eine alternative Methode zur Saatgutbehandlung vor. „Wir setzen auf Elektronen, um das Saatgut von Schaderregern zu befreien“, erklärte Weidauer. Genauer gesagt basiert die Elektronenbehandlung auf beschleunigten Elektronen: energiereiche, negativ geladene Partikel, die in der Lage sind, chemische Bindungen aufzubrechen – und so gegen Pilze, Bakterien und Viren wirken können. Gamser stellte außerdem das Verfahren E-Vita-Plus vor, bei dem die Elektronenbehandlung mit anschließender biologischer Behandlung kombiniert wird. Bacillus-Bakterien, Vitamine und organische Säuren bilden laut des Referenten eine Schutzschicht auf dem Saatgut. „Während die Elektronenbehandlung primär für die Desinfektion des Saatguts verantwortlich ist, unterstützen die eingesetzten Biologicals die Pflanzen zusätzlich durch einen verbesserten Start und eine erhöhte Stresstoleranz“, erklärt der Experte.
Für einen erfolgreichen Feldaufgang und vitale Pflanzen ist gesundes Ausgangsmaterial entscheidend. Z-Saatgut wird auf seine Qualität und Gesundheit kontrolliert und bietet damit eine verlässliche Grundlage für die Aussaat.
Weidauer brachte die Technologie mit Forschungseinrichtungen, Universitäten, Saatgutproduzenten und Landwirten zur Marktreife. Er berichtete im Webinar, dass von unabhängigen Stellen die Gleichwertigkeit bei Ertrag und Feldaufgang zur chemischen Beizung bestätigt wurde, insbesondere bei Steinbrand. Auch Gamser teilte seine Beobachtungen mit den Zuhörenden: „Dank langjähriger Versuche konnten wir konsistent höhere Erträge mit E-Vita-Plus in Öko- und konventionellem Anbau feststellen – im Durchschnitt in Gerste 7 % und in Weizen 6 % mehr Ertrag.“ Aus Sicht der Referenten sei für die Landwirte aber die starke Wurzelentwicklung und die damit verbundene Stresstoleranz am wichtigsten. Gleichwohl betonen die Experten die Wichtigkeit der Bekämpfung von Getreidekrankheiten wie dem Flugbrand in der Saatgut-Vorstufe. „Ist das Saatgut erst einmal mit diesen tief im Keimling sitzenden Pathogenen infiziert, kommen sowohl Elektronen- als auch chemische Behandlung an ihre Grenzen“, so Weidauer. Bei befallenen Partien käme hier eigentlich nur die Aberkennung in Frage.
Biologicals statt Beize?
Die sogenannten Biologicals werden immer wieder als Alternative oder Ergänzung zu verschiedenen physikalischen Beizmethoden im Zusammenhang mit einem möglichen Verbot fungizider Beizen genannt. Es handelt sich dabei um natürliche Substanzen und lebende Mikroorganismen zur Förderung der biotischen Aktivität von Böden und Steigerung der Stresstoleranz von Pflanzen. Prof. Dr. Christel Baum von der Universität Rostock forscht seit 30 Jahren an Biologicals und ist von deren Potenzial überzeugt. „Viele Pflanzenschutzmittel basieren auf Wirkmechanismen aus der Natur und sind damit fast eine Nachahmung von Biologicals“, erklärte sie. In Versuchen mit Trichoderma an Weizen konnte sie eine signifikant erhöhte N-Aufnahme ins Korn beziehungsweise signifikant erhöhte N- und P-Aufnahmen in die Wurzel nachweisen, die auf eine geförderte Mineralisierung zurückgeht. „Biologicals haben ein hohes Potenzial in der Erhöhung der Stresstoleranz und Nährstoffnutzungseffizienz“, erklärte sie. Doch lassen sich damit wirklich die positiven Effekte fungizider Beizen ersetzen?
Saatgutbehandlungen können Getreide bereits in der frühen Entwicklungsphase vor samen- und bodenbürtigen Krankheitserregern schützen und so einen gesunden Feldaufgang unterstützen.
Keine Angst vor Biologie
„Wer zuerst sitzt, blockiert den Stuhl“, erklärte Carsten Schmidt von der Progress Agrar GmbH zu genau dieser Frage und übertrug das Prinzip auf die Pflanze. Diese sei dank der Biologicals – durch eine Bodenbehandlung, Saatgutbehandlung oder Blattbehandlung – mit positiver Biologie „besetzt“ und daher weniger anfällig für Krankheitserreger. Die aussichtsreichsten Erfahrungen konnte Baum in Versuchen mit der Saatgutbehandlung sammeln, ergänzte sie: „Wir wünschen und brauchen eine große Pflanzennähe.“
Schmidt teilte ebenfalls seine Beobachtungen aus dem Feld mit dem Produkt BACTOLIVE SEED und betonte, dass die Biologicals in Zusammenarbeit mit chemischer Beize einen besonders positiven Effekt haben, doch auch die rein biologische Anwendung habe keinen Nachteil gebracht. „Es braucht Mut zum Testen und Ausprobieren und keine Angst vor Biologie“, erklärte er. „Man muss jedoch ganz klar wissen, wann man die Produkte einsetzt, die Zeitfenster sind andere als bei der Chemie.“ Ein Punkt, den auch Baum den Praktikern ans Herz legte: „Die Dosierung von Biologicals ist ein sensibler Punkt. Hier gilt nicht: Mehr hilft mehr.“ Schließlich könnte die ursprünglich nützliche Wechselwirkung zwischen zwei Organismen (Mutualismus) sonst auch für die Pflanze schädlich werden und in Parasitismus umschlagen, warnte sie.
Es bleibt spannend
Deutlich wurde in der Webinar-Reihe vor allem eins: Die Diskussion um Saatgutbehandlungen ist längst keine Wirkstoff- oder Produktdebatte mehr – sondern eine Systemfrage. Während in den vergangenen Jahren bei der Pflanzenschutzmittelzulassung oft das Risiko im Vordergrund stand, wünschen sich Vertreter aus Industrie und Praxis hier wieder einen stärkeren Fokus auf die Wissenschaft.
„Ich merke hier ein Umdenken, dass man doch sieht: Pflanzenschutzmittel sind sinnvoll“, teilte Kreul ihre Beobachtung mit den Teilnehmenden und wird hierbei von Hölter unterstützt, der ebenfalls auf mehr „Balance“ hofft. Auch zertifiziertes Z-Saatgut spielt dabei eine wichtige Rolle: Es wird in der amtlichen Beschaffenheitsprüfung überprüft und bildet somit eine verlässliche Qualitätsgrundlage für Landwirte. Wer selbst nachbaut und sich bisher auf chemische Beizen verlassen konnte, muss auf sauberes Saatgut – und das Krankheitsgeschehen auf seinen Flächen – achten sowie Alternativen zur herkömmlichen Beize beobachten. Praktiker stehen mehr denn je vor der Aufgabe, Verfahren gezielt zu kombinieren und damit einer der wichtigsten Aufgaben gerecht zu werden: das Korn zu schützen – von Beginn an.
Marilena Kipp
Info:
Im Rahmen der Webinar-Reihe „KornKompetenz“ der Getreidefonds Z-Saatgut e. V. (GFZS) informierten verschiedene Experten im Dezember 2025 und Januar 2026 über Alternativen zur chemischen Beize. Die aufgezeichneten, kostenfreien Webinare sind auf YouTube abrufbar unter https://www.youtube.com/@z-saatgut2159.