Fachartikel
Alte Getreidekrankheiten im Visier
Interview mit Prof. Dr. Ute Kropf
Was passiert, wenn eine unsichtbare Pflanzenkrankheit ganze Ernten unbrauchbar macht – und es keinen wirksamen Schutz gibt? Die Diskussionen um einen Verzicht auf fungizide Beizen rückt systemisch wachsende Brandkrankheiten wie Stein- und Flugbrand wieder in den Fokus – genau wie die seit 2024 geltenden, deutlich strengeren Grenzwerte das Mutterkorn wieder zum Thema machen. Prof. Dr. Ute Kropf erklärt, was die einzelnen Erreger so gefährlich macht, wie sie funktionieren und was das für Landwirte ganz konkret bedeutet.
Frau Prof. Dr. Kropf, viele Jahre lang boten fungizide Beizen wirksamen Schutz gegen Brandkrankheiten im Getreide. Doch was kommt auf Landwirte zu, sollte der Einsatz dieser Beizen tatsächlich verboten werden?
Für Landwirte dürften Brandkrankheiten in diesem Fall eine echte Herausforderung werden. Fungizide Beizen kontrollieren boden- und samenbürtige Pathogene, die sich systemisch in der Pflanze entwickeln, wie zum Beispiel Brände. Um die Folgen abzuschätzen, muss man die Biologie dieser Krankheiten verstehen, denn Brände können sehr tückisch sein und kontaminieren den eigenen Boden und umliegende Standorte.
Haben Sie ein praktisches Beispiel für uns?
Nehmen wir zum Beispiel den Weizensteinbrand. Er ist nur sehr schwer im Bestand zu erkennen, insbesondere bei einem geringen Befallsniveau zu Beginn – den charakteristischen Geruch merkt man meist erst beim Dreschen. Anstatt des Korns wächst jedoch eine Brandbutte mit Millionen von Brandsporen, die über ein unglaubliches Vermehrungspotenzial verfügen und mehrjährig infektiös sind. Alle Triebe und Ährchen einer Pflanze sind befallen, da der Weizensteinbrand systemisch in der Pflanze hochwächst – er produziert außerdem Trimethylamin, welches akut und chronisch toxisch für Mensch und Tier ist.
Steinbrand kann in der Saison nicht mit einem Fungizid bekämpft werden. Die Brandbutten stauben beim Dreschen aus und verbreiten so ihre Sporen weiter. Die Sporen gelangen sowohl auf die geerntete Saat als auch auf das Stroh und den Boden, wo sie mehrere Jahre lebensfähig bleiben. Bisher waren sie leicht durch eine fungizide Beize zu kontrollieren, unsere Versuche zeigen jedoch noch keinen adäquaten Ersatz.
Heißt im Klartext: Der Landwirt ist auf eine saubere Fläche und sauberes Saatgut angewiesen – er darf sich den Erreger gar nicht erst auf die Fläche holen. Das ist allerdings gar nicht so einfach, denn insbesondere Steinbrand ist in der Feldanerkennung kaum zu erkennen – das merken wir selbst in der Forschung immer bei Feldern, wo wir sogar wissen: Hier ist Steinbrand drin. Man findet ihn nicht. Und eine Saatgutuntersuchung durch Sporenabschwemmung ist keine Pflicht. Diese Untersuchung ist außerdem sehr aufwendig und nicht für alle Partien leistbar.
Wie fielen die Versuchsergebnisse zu möglichen Alternativen aus?
Wir haben auf einem sauberen Standort stark infiziertes Saatgut ausgebracht. Wir konnten 53 befallene Ähren pro m2 in der unbehandelten Kontrolle feststellen. Mit einer fungiziden Beize waren es null Ähren. Mit Elektronenbehandlung 32 infizierte Ähren; mit Tillecur, einem Bio-Pflanzenstärkungsmittel, 37 Ähren. Alternative Beizoptionen wie Heißwasser kommen nur an die außen am Saatkorn haftenden Pathogene heran, bei Bränden fehlen daher diese Möglichkeiten zur Beize. Was jedem Landwirt bewusst sein sollte: Ist ein Standort einmal kontaminiert, dann bleibt er über mehrere Jahre infektiös. Das zeigt uns, dass wir die gesamte Saatgutgesundheit neu denken müssen. In Biobeständen in Süd- und Mitteldeutschland lässt sich aktuell eine Verbreitung von Steinbrand beobachten.
Wie genau könnten die Auswirkungen aussehen, sollte flächendeckend nicht mehr gebeizt werden?
Die erste praktische Folge sind natürlich wirtschaftliche Einbußen für den Landwirt. Mit Brandkrankheiten befallene Pflanzen bringen keinen Ertrag. Die Fläche ist kontaminiert, was den Folgeanbau erschwert. Um zu verhindern, dass die Brände überhaupt auf die Fläche kommen, müssen wir früher ansetzen: Es braucht sauberes Saatgut, das in Gesundlagen und gesunden Fruchtfolgen produziert wird, sprich ein gesundes Umfeld ist hier das A & O. Bestände mit samenbürtigen Krankheiten dürfen nicht in den Verkehr gelangen.
Wir müssen deutlich mehr auf die Acker- und Erntehygiene achten, denn über den Mähdrescher kann ganz schnell eine Verschleppung der Sporen stattfinden. Bereits durch Wind und Staubentwicklung beim Dreschen kann das Nachbarfeld betroffen sein. Und ganz wichtig: Eine Vorbesichtigung der Bestände vor der Ernte ist ein Muss. Durch Feldbesichtigungen könnte man viele befallene Bestände eliminieren und in einer anschließenden Gesundheitsprüfung im Labor abschließend beurteilen. Das bedeutet natürlich mehr Zeitaufwand und höhere Kosten für die Saatgutproduktion.
Gibt es ackerbauliche Maßnahmen, die gegen Brandkrankheiten helfen?
Bei Steinbrand kann es helfen, dass Stroh tief einzupflügen. Gegen Flugbrände ist mir keine Maßnahme bekannt. Man kann die Krankheiten nicht eliminieren, sondern müsste lernen damit zu leben und die Saatgutgesundheit in den Fokus nehmen. Was ganz wichtig ist: Insbesondere Brandkrankheiten wachsen lange verborgen – also systemisch – in der Pflanze. Das macht die Erkennung so schwer.
Glauben Sie denn, dass es Notfallzulassungen geben wird, zumindest für die Saatguterzeugung?
Ich würde eine Zulassung für die Vorproduktion unbedingt empfehlen. Wir können es uns nicht leisten, dass Standorte dauerhaft kontaminiert und gesunde Nachbarbestände infiziert werden.
Auf Landwirte wartet auch noch eine andere Herausforderung: Die gesetzlichen Grenzwerte für Mutterkorn-Sklerotien wurden zum 1. Juli 2024 herabgesetzt. Was bedeutet das für die kommende Saison?
Wir stehen dem Mutterkorn (Claviceps purpurea) auf den ersten Blick immer etwas machtlos gegenüber, weil wir keine Pflanzenschutzmittel haben. Man muss auch hier verstehen, wie die Krankheit funktioniert; und wie man Mutterkorn vorbeugen kann. Die Sporen befallen die Blüte aller Getreidearten und auch Ungräser bzw. Ziergräser. Sie fliegen wegen des milden Wetters immer früher. Besonders Roggen ist als Fremdbestäuber häufig betroffen, weil seine offenen Blüten eine gute Eintrittspforte darstellen.
Wir sehen vor allem dann Infektionen, wenn nicht genügend eigene Pollen da sind. Sprich: Gestresste Pflanzen sind eher betroffen, beispielsweise bei Kälte, Hitze oder aber Frost vor der Blüte. Auch unterständige Spättriebe an den Fahrgassen oder am Rand sowie Nachschosser bilden oft Mutterkörner, weil weniger Pollen für ihre Bestäubung unterwegs sind.
Das heißt, die Witterung spielt bei Mutterkorn eine große Rolle?
Absolut. Mit extremen Wetterbedingungen geht eine höhere Pollenmortalität einher. Weitere Vorzeichen sind eine längere Blühdauer, längeres Offenstehen der Spelzen, schlechte Pollenflugbedingungen, Regen während der Blüte und fehlender Wind. Auch Pflanzenstress durch Bor- oder Kupfermangel verbessert die Bedingungen für den Pilz. Alarmzeichen für den Landwirt sind auch Nachtfröste mit bodennahen Temperaturen um die 1 bis 2 Grad Celsius, extreme Hitze oder Trockenheit. Entscheidend sind die acht bis zehn Tage vor der Blüte.
Die schwarzen Mutterkörner fallen im Saatgut auf – könnte man diese nicht einfach aussortieren und so die strengen Grenzwerte einhalten?
Eine mechanische Reinigung mit Sieben und Tischauslesern ist nur bedingt effizient. Für sehr wertvolle Partien gibt es Farbsortierer, bei denen die dunklen Sklerotien optisch erkannt und durch einen Luftstoß entfernt werden. Dieses Verfahren ist aber sehr teuer.
Frau Prof. Dr. Kropf, wenn Sie all das zusammenfassen: Was raten Sie Landwirten ganz konkret für die Saison 2026 und wo sollten Sie wachsam sein?
Für die diesjährige Ernte kann man darauf achten, nicht in Stresssituationen Wachstumsregler einzusetzen (Nachtfröste, Trockenheit, Hitze). Kurz vor der Ernte kann man die Befallssituation analysieren, um für die kommenden Jahre einheitlicher entwickelte Bestände aufzustellen. Wo befinden sich die befallenen Pflanzen: vor allem an den Fahrgassen und Schlagrändern?
Dann könnte man diese Schlagstellen auf einen separaten Anhänger dreschen. Ist der Befall über den ganzen Schlag verteilt und konzentriert sich auf späte und unterständige Nebentriebe? Dann ist der Bestand ungleichmäßig, was an einer zu flachen oder uneinheitlichen Saatgutablage liegen kann. Beobachten Sie Sortenversuche in Ihrer Region, um nach gleichmäßig entwickelten Sorten mit einem hohen Pollenschüttungsvermögen Ausschau zu halten.
Autorin: Marilena Kipp
Prof. Dr. Ute Kropf – Lehrkraft an der HAW Kiel
Foto: Patrick Knittler
Zur Person:
Prof. Dr. Ute Kropf lehrt und forscht an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Kiel. Sie beschäftigt sich mit der Entwicklungsphysiologie landwirtschaftlicher Kulturpflanzen. Im Rahmen der Webinar-Reihe „KornKompetenz“ der Getreidefonds Z-Saatgut e. V. (GFZS) informierte sie Praktiker im Dezember 2025 über die Gefahren von Brandkrankheiten und Mutterkorn.
Bei einem Befall mit Flugbrand (Ustilago nuda) bildet die Gerste anstelle von Ährchen eine schwarze Masse aus Brandsporen.
Foto: Jennifer Nickel, GFZS e. V.
Lebenszyklus von Claviceps purpurea: Überwinterung als Sklerotium, Infektion über Ascosporen, Ausbreitung durch Honigtau und Neubildung von Sklerotien.
Foto: AgroConcept
Nach der Infektion ersetzt der Pilz das Korn und bildet nach 6–8 Tagen einen zuckerhaltigen Honigtau mit Konidien, der Insekten anlockt und so die Sekundärinfektion verbreitet.
Foto: AgroConcept
Anstelle des Getreidekorns entwickelt sich das Sklerotium. Es fällt bei der Ernte auf den Boden oder gelangt mit dem Erntegut in den Kreislauf.
Foto: GFPi e. V.
Brandbutten beim Weizensteinbrand: Anstelle der Körner entstehen gräulich-braune, feste Butten, die bei der Ernte aufplatzen und Sporen freisetzen.
Foto: AgroConcept