Viele richtige Entscheidungen

Henrik Hausmann ist Rheinländer und mit Herz und Seele Landwirt. Eigentlich sollte er den elterlichen Betrieb bei Bedburg/Erft übernehmen. Und eigentlich war dort der Nachbau von Getreide ungeschriebenes, weil von den Vätern überliefertes Gesetz. Doch irgendwie kam alles ganz anders. Der Osten ist die neue Heimat, und Althergebrachtes ging über Bord.

Freundlich, offen und mit einem Akzent versehen, der ihn sofort irgendwo im Großraum Köln verortet: Henrik Hausmann ist ein Rheinländer, wie er im Buche steht. Dort war er auch bis vor 14 Jahren beheimatet, bis der heute 39-Jährige eine weitreichende Entscheidung traf: Er schlug die Option aus, den elterlichen, 250 Hektar (ha) großen Betrieb in Bedburg im Rhein-Erft-Kreis zu übernehmen und entschied sich für eine Landwirtschaft im Osten Deutschlands. Schon während des Studiums an der Fachhochschule Soest, das sich mehreren Inlands-und Auslandspraktika anschloss, schaute er sich Betriebe im Osten an. Fündig wurde er in Dohndorf, zehn Kilometer westlich von Köthen (Sachsen-Anhalt). Dort startete er zunächst mit 700 ha und vergrößerte den reinen Ackerbaubetrieb nach und nach auf 1.500 ha. Dessen Markenzeichen sind die schweren Schwarzerdeböden, die es im Durchschnitt auf 93 Bodenpunkte bringen. Das reichte Hausmann aber noch nicht. Vor drei Jahren kam ein weiterer Betrieb in Möckern bei Magdeburg hinzu, der nur 53 km entfernt ist, aber gegensätzlicher nicht sein könnte: Gemischtbetrieb mit Schweinemast, Mutterkuhherde, Brennerei und Biogasanlage – das alles auf 3.200 ha vergleichsweise leichten Böden mit gemittelten 40 (20–70) Bodenpunkten. In seiner ihm eigenen dynamischen Art trennte sich Hausmann sehr bald von Tierhaltung und Brennerei. Und so verfügt er heute mit den zwei Betrieben, beide als GmbH geführt und von ihm alleine verantwortet, über 4.700 ha Ackerland und eine 600-Kilowatt-Biogasanlage. Die großen Gebäude, mit denen Hausmann reichlich gesegnet ist, dienen ihm als Lager für die eigene Getreide- und Kartoffelernte, außerdem nutzt sie eine Warengenossenschaft als Lager für landwirtschaftliche Betriebsmittel.

Auf der Hälfte der Betriebsfläche steht Getreide: Henrik Hausmann baut auf rund 2.400 ha Winterweizen, Wintergerste und Winterroggen an. Bei Trockenheit kommen Regenmaschinen zum Einsatz.
Foto: Hollweg

Abschied vom Rat früherer Generationen

Getreide dominiert auf Hausmanns Ackerflächen: Rund die Hälfte wird mit Wintergetreide bestellt. Hinzu kommen Kartoffeln, Raps und Mais. Letzterer wird als nachwachsender Rohstoff für die eigene und zwei weitere Biogasanlagen produziert. Beim Anbau von Winterweizen, -gerste und -roggen fing Hausmann so an, wie er es zuhause gelernt hatte: mit der Aussaat von eigenem Nachbau. „Da weiß man, was man hat, und es ist günstiger“, lautete das vertraute Credo. Und so startete der Rheinländer in seiner neuen Heimat zunächst mit etwa 80 Prozent Nachbau. Das ist lange her, und das von damals Verinnerlichte nennt Hausmann heute „Argumente der alten Generation“. Und er entkräftet das betagte Plädoyer für den Nachbau mit ökonomischen, aber auch arbeitswirtschaftlichen Argumenten. Zunächst rechnet er vor (s. Infokasten 1, Zahlen aus 2015): Die Aufbereitung des eigenen Getreides zum Saatgut kostet ihn je nach Art und Sorte zwischen 39 und 42 € je Dezitonne (dt). Den durchschnittlichen Preis für Z-Saatgut beziffert er mit 44–47 €/dt, also 5 €/dt mehr. Bei einer Aussaatstärke von 130 kg/ha ist das ein Unterschied von 6,50 € pro ha. Und der Ackerbauer folgert: „Wenn ich mit Z-Saatgut gegenüber eigenem Nachbau nur einen knappen halben Doppelzentner je ha mehr ernte, habe ich die Differenz wieder ausgeglichen.“ Aus genauer Beobachtung weiß Hausmann, dass die Bestände, die aus Z-Saatgut heranwachsen, „dichter und homogener“ sind. „Beim Nachbau habe ich ungleiche Ährenhöhen, die Bestände sind unruhiger“, weiß er und nennt als Grund einen „Rückgang der genetischen Qualität“ beim Nachbau, da dieser nicht so professionell oder nur mit höheren Kosten betrieben werden könne als bei spezialisierten Z-Saatgutproduzenten. Der Qualitätsrückgang bringe auch geringere Erträge mit sich, ist sich der Pflanzenbau-Profi sicher.

Z-Saatgut sichert den Züchtungsfortschritt

Aber auch arbeitswirtschaftlich ist das Z-Saatgut für ihn einfacher zu handhaben. „Bei rund 80 Prozent eigenem Nachbau müsste ich etwa 250 Tonnen Rohware getrennt nach Arten und Sorten lagern und später nach und nach aufbereiten lassen“, erklärt der Landwirt. Das sei ein enormer Aufwand für ihn und seine Mitarbeiter, der ausgerechnet dann anfalle, wenn alle mit Rapsaussaat, Kartoffel- oder Maisernte beschäftigt seien. Aber Hausmann denkt auch über den eigenen Betrieb und über den Tag hinaus. „Wo bleibt denn der Züchtungsfortschritt, wenn nur eigener Nachbau betrieben würde“, sagt er. Er befürchtet eine Entwicklung, die er in Ansätzen bereits heute zu erkennen glaubt: „Kulturen wie Mais, Raps und Roggen, bei denen kein eigener Nachbau betrieben werden kann, sind beim züchterischen Fortschritt dem Weizen und mit Abstrichen auch der Gerste voraus“, meint er. So ist es Überzeugung aus vielerlei Gründen, die Hausmann heute vollständig auf Z-Saatgut setzen lässt. Auf schwachen Standorten, prädestiniert für Roggen, setzt er Hybridsorten ein, die er im Vergleich zu Populationssorten als überlegen sieht. Weitere Eckdaten des intensiven Getreidebaus in Dohndorf und Möckern sind:

  • pfluglose Bodenbearbeitung
  • Aussaat vom 10. September bis 20. Oktober
  • Saatsstärke der Hauptkultur Weizen: durchschnittlich 130 kg/ha
  • Mulchsaat mit Unterfußdüngung (1 dt/ha Diammonphosphat) auf den mit Phosphat unterversorgten Böden
  • Stickstoff (N)-Startgabe im Frühjahr bis zu 100 kg/ha je nach Standort und Ertragserwartung mit Kalkammonsalpeter oder Harnstoff (je nach Preis). N-Spätgabe, deren Höhe sich nach Wasserverfügbarkeit richtet
  • Magnesium- und Schwefeldüngung
  • Standortspezifische Auswahl der Saatgutbeizen
  • Herbizide im Herbst, Nachbehandlung im Frühjahr
  • zweimalige Fungizid-Behandlung (Roggen nur einmal)
  • bei Bedarf Beregnung von Weizen und Gerste.

Intensiver Anbau beschert sehr gute Erträge

Diesen intensiven Getreidebau danken die Kulturen mit sehr guten Erträgen. Auf den schweren Standorten auf Gut Dohndorf heißt das 80–85 dt/ha Weizen und Gerste. In sehr guten Jahren können es 100 dt/ha werden, in schlechten ist der Ertrag auch schon auf 60 dt/ha gefallen. In Möckern mit den vergleichsweise leichten Böden liegen die Erträge im Durchschnitt der Jahre bei Weizen um 62–70 dt/ha, bei Gerste bei etwa 65–70 dt/ha und bei Roggen bei etwa 50–70 dt/ha. In extremen Jahren können die Weizen- und Gerstenerträge bis zu 95 dt/ha steigen oder bis auf 50 dt/ha fallen. Um bei diesen hohen Erträgen zu landen, musste Hausmann Erfahrungen sammeln. „Andere Größe, anderes Klima, andere Böden, andere Mentalität“, fasst er den Unterschied zum Rheinland zusammen. Dort, mit Lössböden, 750 mm Niederschlag im Jahr und der rheinischen Fruchtfolge (Zuckerrüben, Winterweizen, Wintergerste, später auch Kartoffeln, Möhren), läuft vieles anders als im Osten, wo auch das kontinentale Klima mit deutlich weniger Niederschlag, wärmeren Sommern und härteren Wintern spürbar ist. Deshalb ist es für Hausmann bis heute selbstverständlich, regelmäßig an beiden Standorten präsent zu sein. Nur so ist er immer über den Zustand der Kulturen im Bilde, und nur so hat er regelmäßigen Kontakt mit seinen Mitarbeitern. 21 Festangestellte zählt er zu seinem Team, das in der Arbeitsspitze um bis zu sechs Aushilfskräfte ergänzt wird. Diesen an sich selbst gestellten Anspruch zu leben, bedeutet für ihn jeden Tag drei Stunden Autofahrt, denn Hausmann lebt mit Frau und drei Kindern am rund 130 km entfernten südlichen Stadtrand von Berlin. Doch diese tägliche Strapaze hat an seiner Feststellung, die damalige Entscheidung für die Landwirtschaft im Osten sei „goldrichtig“ gewesen, nichts geändert. Ganz im Gegenteil, es ist ihm ein gewisser Stolz anzumerken, vor 14 Jahren „eine historische Chance“ genutzt zu haben. Und in diesem Stolz ist er dann wieder ganz rheinischer Bauer.

(2016)